Das Leben der anderen

betr.: 88. Jahrestag des Debüts der Comedian Harmonists / der Film „Comedian Harmonists – Sechs Lebensläufe“ / „Monty Python – Fast die ganze Wahrheit!“

Dass die Comedian Harmonists zum medialen Grundrauschen gehören, dass sie uns überhaupt ein Begriff sind, ist keine Selbstverständlichkeit und natürlich keineswegs die logische Folge ihrer Leistungen. Ein Wiederentdecker hat besonderen Anteil an ihrer heutigen Beliebtheit.* Das Nebenprodukt seiner Tat war die Neuerfindung des portraitierenden Dokumentarfilms.

Die zweiteilige NDR-Dokumentation „Comedian Harmonists – Sechs Lebensläufe“, am 29. und 31. April 1977 in Schwarzweiß erstmals ausgestrahlt, ist mühelos auf DVD zu bekommen und insofern kein Schatz, der an dieser Stelle erst gehoben werden müsste, und doch scheint es mir angebracht, ihn noch einmal hochleben zu lassen.
Eberhard Fechner** hatte die von den Nazis zerschlagene Truppe – später hätte man Boygroup dazu gesagt – nach dem Krieg auf seinem tragbaren Plattenspieler gehört. Über die Interpreten war seinerzeit nicht viel herauszubekommen, aber Fechner kam zu Ohren, dass der Bass der Formation, Robert Biberti, noch in Berlin lebe und dieses oder jenes Lokal regelmäßig aufsuche. Den Plan, ein Filmportrait der Mitglieder herzustellen – bis auf Erich Collin waren alle noch am Leben – brütete er allerdings zusammen mit Harry Frommermann aus, dem Gründer der Comedian Harmonists. Die Gesprächstermine mit den in alle Winde verstreuten Künstlern waren bereits vereinbart, da starb Frommermann, der nun im Film von seiner Witwe vertreten wird; für Collin spricht dessen Schwester.

Was Fechner nun vorlegte, ist ein Meisterstück, dessen Gesetze bis heute gelten, wenn auch die Maßstäbe sich inzwischen gründlich verkleinert haben. Aus den einzeln vorgelegten Statements der Zeitzeugen montiert der Autor / Regisseur die Geschichte des Sextetts in chronologischer Folge und erklärt uns aus dem Off nur das Allernötigste. Er verkneift sich jede Wertung, auch sonst jede Bevormundung des Betrachters, alles reißerische Guido-Knopp-Getöse. Man selbst dreht den Film gewissermaßen zuende, staunt über die Ungleichzeitigkeiten des Schicksals anhand dieser Lebenswege, die nach der Teilung der Gruppe in eine arische und eine jüdische Hälfte, nicht unterschiedlicher hätten verlaufen können. Man selbst kann auch den Schurken in diesem Abenteuer ausmachen – was angesichts seines Charismas ein besonderes Vergnügen ist.

Es sollte bis zum Jahre 2009 dauern, bis mir ein gleichsam faszinierendes Mehrpersonenportrait begegnete, wiederum ein TV-Mehrteiler: „Monty Python – Fast die ganze Wahrheit!“ Dieser Vergleich drängte sich mir nicht etwa wegen der offensichtlichen inhaltlichen Gemeinsamkeiten auf – ein fast vollständig überlebendes historisches Herren-Sextett der Leichten Muse erzählt in Gestalt ungebrochen faszinierender Einzelpersonen ein Stück Mediengeschichte neu – nein, es die Makellosigkeit beider Produkte, die ins Auge springt. Python-Biograf Bill Jones schafft es sogar, völlig auf einen Kommentar zu verzichten und alles durch die Befragten und durch reichhaltige Dokumente zu erzählen. Ich habe den Verdacht, man braucht gar kein Liebhaber dieser beiden Gruppen zu sein, um sich von ihren Erlebnissen fesseln zu lassen, aber das kann ich aus naheliegenden Gründen nur vermuten.

In einer Zeit, da grundsolide TV-Dokus ausgespuckt werden wie eine Kette von Würstchen, sind die Filme von Fechner und Jones umso beglückender.

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* Loriot war noch ein wenig schneller. Schon im vorangegangenen Oktober ließ er die Comedian Harmonists als mollige, alte Knollenmännchen (allerdings in kompletter Besetzung) in der 2. seiner berühmten TV-Shows ein Comeback feiern.
** Was hier über diesen Mann zu kurz kommen muss, erfährt man auf https://www.eberhardfechner.de/

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