Spätromantiker wider Willen

betr.: 119. Geburtstag von Hanns Eisler

Die Namen Hanns Eisler und Bertolt Brecht sind eng miteinander verknüpft. Der Kampflieder-Komponist und der Dramatiker flohen beide vor dem Nationalsozialismus in die USA. Brecht kam dort nicht zurecht*, Eisler riss sich zusammen.
Er versuchte, als Filmmusiker in Hollywood Fuß zu fassen und wusste, dass er seine zwölftonmusikalischen Ambitionen bändigen musste, wenn er Anschlussaufträge erhalten wollte.

Komposition für den Film

Aus seinem mit Theodor W. Adorno verfassten Buch „Komposition für den Film“ (1947) lässt sich herauslesen, dass ihn nur die finanzielle Notwendigkeit in eine so populäre Sparte trieb: „(Dem Film) sind seine Ursprünge in der Jahrmarktsbude und im Schauerstück immer noch anzumerken. Sein Lebenselement ist die Sensation. Das ist nicht bloß negativ zu verstehen, als Abwesenheit von Geschmack und ästhetischem Maß. Nur durch den Schock vermag der Film das empirische Leben, dessen Abbildung er aufgrund seiner technischen Voraussetzungen prätendiert, fremdzumachen und erkennen zu lassen, was an Wesentlichem hinter der abbildrealistischen Oberfläche sich abspielt. Eben diese Funktion ist mit den Mitteln der traditionellen Musik nicht zu erfüllen. Die moderne taugt dazu. Die Angst, die in den Dissonanzen aus Schönbergs radikalster Periode ausgedrückt ist, geht weit hinaus über das Maß an Angst, das dem durchschnittlichen bürgerlichen Individuum jemals erreichbar ist. Es ist eine geschichtliche Angst, die der heraufdämmernden Katastrophe der Gesellschaft.
Etwas von dieser Angst lebt in der großen Sensation der Filme, wenn in ‚San Francisco‘ die Decke des Nightclubs sich senkt, wenn in ‚King Kong‘ der  Riesenaffe die New Yorker Hochbahn in die Straßen schleudert.“

Seine erste Hollywood-Filmpartitur konfrontierte Eisler sogar mit einem Brecht-Drehbuch: „Hangmen Also Die!“. Der Film behandelt das 1942 brandaktuelle Attentat auf Reinhard Heydrich. Auf eine konventionell-reißerische Ouvertüre folgt ein Prolog, in dem Eisler etwas avancierter wird, doch als die Sequenz auf einem Hitler-Portrait endet, schließt sich der unvermeidliche kommerzielle Effekt an. Dafür finden Eisler / Adorno lobende Worte, die die zuletzt dargetane These belegen möchten: „Die Musik endet bei dem Hitlerbild mit einem zehnstimmigen Akkord, durchdringend in weiter Lage gesetzt. Es gäbe kaum eine traditionelle Harmonie, die dieselbe Kraft des Ausdrucks hätte wie dieser äußerst avancierte Klang.“
Laut Partitur sind es übrigens nur 7 Stimmen, die diesen Akkord bilden.

Die von Eisler insgeheim erhoffte Sound-Revolution des Kinos fand erst zehn Jahre später und ohne ihn statt. Das europäisch geprägte Hollywood-Idiom wurde durch zwei  hauptberufliche Filmkomponisten nachhaltig aufgebrochen: von Elmer Bernstein mit seinen Jazz-Partituren und von Henry Mancini, dem großen Meister des Filmsongs, der mit sinfonischer Lounge- und Partymusik für völlig neue Hörgewohnheiten sorgte.

Doch zurück zu „Auch Henker sterben“. Der Regisseur war ein weiterer Emigrant aus Deutschland, der allerdings in den USA sehr gut zurechtkommen sollte: Fritz Lang.

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* Siehe dazu https://blog.montyarnold.com/2014/09/30/der-dreifache-brecht/

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