Die haben vielleicht Probleme …

betr.: 129. Geburtstag von Raymond Chandler

Nicht nur vor der Kamera hat so manches Dream-Team doppelt hart arbeiten müssen, um die Illusion des Liebespaares – oder doch der hingebungsvollen Buddies – aufrechtzuerhalten, auch hinter den Kulissen hat es oftmals mächtig geknirscht, ohne dass dies dem Ergebnis später anzumerken war.
Wenn Autoren sich mit Hollywood einließen, die schon zuvor als Schriftsteller reüssiert hatten, waren die Verstimmungen unausweichlich. Die Art und Weise, wie in der Filmmetropole gearbeitet und mit Autoren umgegangen wurde, konnte ihnen unmöglich zusagen. Und dass Raymond Chandler rückblickend mit den Spuren zufrieden sein müsste, die er auf der Leinwand hinterlassen hat, hat ihm den Ärger seinerzeit nicht leichter gemacht.

Das Drehbuch zum „ersten und einflussreichsten Film Noir“ bzw. „besten aller Kriminalfilme“* „Double Idemnity“ / „Frau ohne Gewissen“ hätte eigentlich der Autor der Romanvorlage schreiben sollen, James M. Cain, doch der war „verhindert“. Regisseur Billy Wilder brauchte einen Co-Autor schon allein wegen seiner sprachlichen (österreichischen) Wurzeln – und mochte seinen regelmäßigen Mitarbeiter (mit dem er bisher nur Komödien gemacht hatte) hier nicht hinzuziehen. So tat er sich mit Raymond Chandler zusammen. Es war dessen erster Drehbuchauftrag.

Chandler hielt sich in einem Brief, den er Jahre später an den Produzenten schrieb, zugute, Großes im Kampf gegen den Whodunit geleistet zu haben; in „Double Idemnity“ entlarvt sich der Mörder bekanntlich gleich zu Beginn des Films selbst, ehe die Rahmenhandlung einsetzt: „Damals 1943 (…) sagten Sie mir, aus einer Kriminalstory könne man keinen wirkungsvollen Film machen, weil der Höhepunkt die Entlarvung des Mörders sei, die erst ganz am Schluss stattfindet. (…) Wirklich gut ist ein Krimi, wenn man ihn auch dann zuende läse, wenn man wüsste, das jemand das letzte Kapitel rausgerissen hat.“
Aber ach: die Arbeit am Drehbuch war „die Hölle“, wie Chandler oft betonte. Er störte sich an Wilders schwacher Blase, daran, dass dieser bei der Arbeit einen Hut zu tragen pflegte und dass er so gern im Büro trank, dass der vorübergehend trockene Chandler auch wieder anfing.
“Wer als Drehbuchschreiber klug ist“, schrieb er in einem anderen Brief, „trägt in Ruhe, künstlerisch gesprochen, seinen zweitbesten Anzug.“ Doch er gab auch zu, bei dieser Zusammenarbeit „so viel über das Drehbuchschreiben“ gelernt zu haben, „wie ich nur lernen kann – viel ist das ja nicht!“

Ein weiterer Chandler-Brief, den wir heute hervorholen, war an den Regisseur Alfred Hitchcock gerichtet, und von dieser Zusammenarbeit einige Jahre später wissen wir, dass sie – wie man’s nimmt – noch weitaus grauenvoller war: der Streit galt der Kunst!
Auch hier ist ein Filmklassiker dabei herausgekommen, dessen Vorlage nicht von Chandler selbst stammte: „Strangers On A Train“ / „Der Fremde im Zug“ nach Patricia Highsmith.
Zur Begrüßung schreibt und klagt Chandler über ein Verhalten, „das zur normalen Verderbtheit Hollywoods zu gehören scheint“ und übermittelt dann „ein paar kritische Anmerkungen zu dem“, „was da als Endfassung bezeichnet wird“.
Er moniert Dialoge, „die man jeden Filmautor zu vermeiden lehrt – diese gewisse Sorte, die alles zweimal sagt und dem Darsteller und der Kamera auszudrücken nichts übrig lässt“. Er macht Hitchcock den Vorwurf, einer jener Regisseure zu sein, „die annehmen, dass Kamerawinkel, Dekoration und Stückchen einer interessanten Nebenhandlung jede Menge Ungereimtheiten in der Geschichte wettmachen.“ Er mahnt, „die Tatsache, dass Sie damit durchkommen, beweist nicht, dass Sie damit im Recht sind. (…) Ein Schweinsohr wird immer wie ein Schweinsohr aussehen, auch wenn man es rahmt, an die Wand hängt und als moderne französische Kunst ausgibt.“ Chandler zählt diese „Schweinsohren“ auf mehreren Seiten auf, hätte Hitchcock zum Beispiel gerne ausgeredet, „dass die Polizei von Washington (…) 24 Stunden lang einen Mann überwacht, gegen den es keine Beweise gibt (…) Die Mühelosigkeit, mit der sich dieser Mann der Überwachung entzieht, macht den ganzen Vorgang absurd.“

Hat Chandler recht? Dies herauszufinden ist ein solider Grund, sich „Der Fremde im Zug“ endlich mal wieder anzusehen.
Und der schönste Satz seines Briefes ist davon ohnehin unberührt: „Niemand kann angemessen dafür bezahlt werden, dass seine Zeit vergeudet wird!“

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* Das ist die am häufigsten zu lesende Filmhistorikermeinung. Kollege Hitchcock lobte diesen Film sogar in einer Zeitungsanzeige. Billy Wilder mochte „Double Idemnity“ von seinen eigenen Filmen angeblich am liebsten, aber das Gleiche hat er an anderer Stelle – wie man hört – auch von „Das Appartement“ und „Das Privatleben des Sherlock Holmes“ gesagt.**
** Siehe dazu https://blog.montyarnold.com/2017/01/25/die-schoensten-filme-die-ich-kenne-12-das-privatleben-des-sherlock-holmes/

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