Telefonieren in Handarbeit

„And the operator says 40 more
For the next three minutes!”

Dr. Hook, “Sylvia’s Mother Said”, 1971

Nicht nur dieser berühmte Song, einige besonders schöne Thriller basieren auf der Existenz des „Fräuleins vom Amt“, einer Person also, die für die Vermittlung von Telefonaten zuständig ist.*
Vor 100 Jahren verfügten in den USA weniger als 20% der Haushalte über ein Telefon, wobei der Anteil im ländlichen Raum noch niedriger lag. Vor dem Zweiten Weltkrieg waren – mit Ausnahme von Städten wie Washington und New York – die meisten privaten Telefone an sogenannte Gemeinschaftsleitungen angeschlossen (die man im dortigen Sprachgebrauch etwas irreführend „Party Lines“ nannte). Die einzelnen Teilnehmer wurden durch spezifische Folgen von Klingeltönen unterschieden. Telefongespräche konnten von den anderen Nutzern einer solchen Leitung mitgehört werden.
Leslie S. Klinger erinnert sich im ersten Band seiner kommentierten Lovecraft-Edition an einen Lehrfilm einer Telefongesellschaft, der Verhaltensregeln für die Nutzung von Gemeinschaftsleitungen verkündete: „Die Teilnehmer wurden zu einem höflichen Umgang miteinander angehalten, ermahnt, nicht unerlaubt die Gespräche anderer mitzuhören und sich bei Anrufen kurzzufassen, um die Leitung für andere Teilnehmer offenzuhalten.“ 

In England gab es die Telefonvermittlerin noch bis Anfang der 70er Jahre, und ihre Überlistung war Gegenstand einer eigenen Untersparte des Whodunits.
Berühmt wurde eine Filmszene aus den 20er Jahren, in der der Regisseur die Telefonistin wiederum dazu nutzte, die Einschränkungen des Stummfilms zu umgehen. Eine junge Frau bittet ihren Verehrer, ihn abends anzurufen, um ihm dann auf seinen Heiratsantrag zu antworten. Weil Alfred Hitchcock die Szene nicht durch Texttafeln zerhacken wollte, ließ er die Telefonistin mithören und zeigte dem Publikum den Verlauf der Unterhaltung durch ihre Mimik.

Diese umständlichen aber malerischen Verhältnisse markieren die Steinzeit unserer Telekommunikation, den Anfang einer Entwicklung, an deren vorläufigem Ende wir nicht nur an jedem Ort schnurlos überallhin telefonieren, sondern mit unserem Telefon auch noch Filme produzieren und veröffentlichen, Verschwörungszirkeln beiwohnen oder unser Essen fotografieren können. Im Internet haben sich neue Möglichkeiten für reale und erfundene Figuren ergeben, Verbrechen zu begehen.

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* Zwei besonders eindrucksvolle Beispiele werden in den Beiträgen https://blog.montyarnold.com/2017/02/17/die-schoensten-filme-die-ich-kenne-16-du-lebst-noch-105-minuten/ und https://blog.montyarnold.com/2017/09/14/die-schoensten-filme-die-ich-kenne-45-ferngespraech-fuer-miss-keene/ näher behandelt.

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