Klassiker sucht Zielgruppe

betr.: 81. Geburtstag von Jeff Wayne

Wer es auf Nachruhm anlegt, sollte sich auch über die Form der Schublade Gedanken machen, in der sein Schaffen aufbewahrt werden soll. Und ihm muss klar sein, dass das Netz, das wir mit dem Kürzel www bezeichnen, immer grobmaschiger wird, je mehr es zusammenzuhalten hat. Längst sind die Maschen so groß, dass auch ein gefeiertes Vinyl-Klappalbum hindurchpasst.

Der Eintrag „Jeff Wayne“ fehlt in meinen Rocklexika, und sein nicht unbedeutendes Konzeptalbum „War Of The Worlds“ (basierend auf dem gleichnamigen Literatur- und Popkultur-Klassiker von H. G. Wells) wird nicht in den einschlägigen Büchern über Album-Klassiker aufgeführt.  „War Of The Worlds“ brachte immerhin den Hit „Eve Of The War“ hervor, doch auch der schaffte es nicht in die der Pflege erinnerungswürdiger Popsongs gewidmeten Leselexika. (Als typisches  One-Hit-Wonder taugt er nicht, da sein Interpret Justin Hayward zuallererst der Frontmann der Moody Blues ist.) Gäbe es so etwas wie eine seriöse Kultur der Hörspiel-Sekundärliteratur, würde dem Werk vielleicht am Ende der Würdigung von Orson Welles und seiner 1938er Adaption ein kleiner Abschnitt gewidmet.
Der immer breitere Strom nachrückender Textdateien, Audio- und Videoclips, die auf unseren Computern, in Clouds und endlosen Datenströmen auf einen flüchtigen Augenblick unserer Aufmerksamkeit hoffen, erlaubt es wohl nicht anders. Aber am heutigen Tag ist der Name Jeff Wayne ein willkommener kleiner Wink, sich dem Algorithmus einmal bewusst zu entziehen.

Künstlern wie Wayne und ihren Werken bleibt nichts anderes übrig, auf eine Gelegenheit zu warten, sich im Rahmen einer vergänglichen Würdigung noch einmal in Erinnerung zu bringen und sich in das eine oder andere physische Regal zu retten. Im genannten Falle war dies eine 2005 erschienene Luxus-Neuausgabe des Albums. Im opulenten Booklet scheint auch der Grund auf, warum die Erinnerung diesem Opus so herzlos mitgespielt hat. Die Bezeichnung „Musikwerk“ („one oft he best known and best selling musical Works of all time“) bezeichnet eine Mischung aus Rock-Oper und Hörspiel, ein Kuriosum also. Im Musical-Zusammenhang taucht sie nicht auf, da sie weder (ihrerseits) verfilmt noch auf der Bühne verwirklicht wurde. Nicht einmal  der aufgeschlossenste Feuilletonist wüsste, wo er diese Platte nach Hörgenuss und Rezension hinsortieren soll.
Die Zielgruppe für „Jeff Wayne’s The War Of The Worlds“ trat nur kurz im Jahre 1978 zusammen und hat sich wieder zerstreut.

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