Fliegen oder Stehlen?

betr.: Mikrofonarbeit / Lesen vom Blatt / Sprechen für Software

Die meisten Sätze bringen die inhaltliche Hinführung mit, wenn man sie nur aufmerksam liest.
Beispiel.
Ein Kapitel in einem Kinderhörbuch beginnt wie folgt:

„Am nächsten Morgen hätte sich Olga am liebsten erst mal gar nicht blicken lassen.“

Was verrät uns das?
Die Figur, um die es geht heißt Olga. Sie wird von Selbstzweifeln geplagt bzw. hat einen schlechten Tag. Man rechnet mit ihrem Erscheinen bei einem turnusmäßigen Zusammentreffen. (Dass es sich nicht um eine einzelne Verabredung handelt, impliziert die Formulierung „erst mal“.) Wir befinden uns mitten in einer Entwicklung bzw. einem Konflikt („am nächsten Morgen“), die Dinge sind in Bewegung, und Olga ist daran beteiligt.
Das ist eine ganze Menge Information für einen einzelnen Satz.

Das ist in den meisten Fällen so: es steht eigentlich alles da, was man braucht, um den Satz auch ohne seinen Zusammenhang zu verstehen und zu interpretieren.
Manchmal geschieht das auch über den Weg der sarkastischen Umkehrung. Den Satz „Du hast mir gerade noch gefehlt!“ wird niemand wörtlich nehmen.

Sätze, die sich nicht zweifelsfrei selbst erklären, gibt es vereinzelt auch.
Das beliebteste Beispiel wurde hier schon genannt. Der Ausspruch „Der tut nichts!“ hat eine völlig andere Bedeutung, je nachdem, ob er sich auf einen Hund oder auf einen Lehrling bezieht.
Im Französischen hat ein Verb zwei komplett unterschiedliche Bedeutungen: „voler“ bedeutet sowohl „fliegen“ als auch „stehlen“. Weil diese Definitionen so weit auseinanderliegen, wird es deshalb kaum zu Verwirrung kommen, der Zusammenhang wird es richten.
Im unwahrscheinlichen Fall, dass ein kleptomanischer Pilot aus Frankreich in einem Interview mit dem Deutschen Fernsehen gefragt wird: „Was werden Sie in Zukunft lieber tun, stehlen oder fliegen?“, würde die Antwort „Je vol“ einer Nachfrage bedürfen.

Was tut man aber, wenn man bei einer Software-Sprachaufnahme – also ohne die üblichen Hinweise eines linearen Kontextes – auf einen Take stößt, der zwei oder mehr unterschiedliche Bedeutungen haben könnte?
Falls die Regie keinen Informationsvorsprung hat (was bei Computerspielen vorkommen kann), muss sich für eine Variante entschieden werden. Magischerweise funktioniert das in den meisten Fällen im später sich ergebenden Zusammenhang.
Was mit Sicherheit seltsam klingt und nicht funktioniert, ist der Versuch, einen Kompromiss aus beiden Möglichkeiten zu bilden. Solche Situationen kommen in der Kommunikation unseres Alltags nämlich nicht vor.

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