Zum Tode von Rosa von Praunheim
Es gehört zum Wesen eines Provokateurs, dass er auch jenen zuweilen auf die Nerven geht, die seine Arbeit schätzen und ihm für vieles dankbar sein müssen.
Anfang der 90er Jahre wurde in der schwulen Subkultur diskutiert, ob es statthaft sei, versteckt-homosexuelle Prominente zu outen. Soweit ich mich erinnere (es mag trügen), war ich der einzige in meinem Blickfeld, der diese Maßnahme grundsätzlich für legitim hielt. Die jüngeren wie die älteren politisch aktiven Schwulen – die sogenannten Bewegungsschwestern – waren der Meinung, das dürfe man nicht und musterten mich indigniert. Ich hatte mich selbst in meinem konservativen Lehrbetrieb geoutet und damit letztlich sehr gute Erfahrungen gemacht – einige besonders offene Feindseligkeiten inklusive, die mir die Beendigung eines würdelosen Zustandes jedoch wert waren. Außerdem empfand ich den damaligen Zeitgeist als günstig, um der Gesellschaft mit einigen Denkanstößen aufzuhelfen. Das Ganze war ohnehin ein Gedankenspiel: ich hatte nicht die Absicht, irgendjemanden zu outen und hätte dafür auch gar nicht über die notwendige Öffentlichkeit verfügt.
Rosa von Praunheim verfügte darüber.
1991 saß er in einer Krawallsendung des jungen Privatfernsehens auf dem titelgebenden „Heißen Stuhl“ und sprach, wie es so seine Art war, über mancherlei, hauptsächlich aber über sich selbst. Die Koketterie, mit der in einem flüssigen, auf beiläufig gemachten Nebensatz Alfred Biolek und Hape Kerkeling outete, war mir unsympathisch. Aber sie wirkte: Rosa war in aller Munde, Biolek verhielt sich großartig (als die „Bild“ ihn darauf ansprach, bremste er sie mit dem Spruch „Das weiß doch jeder!“ für alle Zeit aus), und auch Kerkeling erfüllte meine niedrige Erwartung: erst stritt er auf wenig originelle Weise alles ab (indem er andeutete, Rosa wolle sich dafür rächen, dass er ihn habe abblitzen lassen), dann erkannte er, dass ihm sein Publikum diese Enthüllung keineswegs übelnahm, und schließlich ließ er sich von der Schwulenszene als wackerer Vorreiter feiern und auf zahlreiche Partys und Schnittchen-Büffets einladen, gerade so, als habe er sich tapfer selbst geoutet.
Es ist anzunehmen, dass Rosa von Praunheim mit diesem Outing zweier letztlich unverwüstlicher Publikumslieblinge tatsächlich dazu beitrug, dass sich das gesellschaftliche Klima in seinem Sinne weiter entspannte. Auch die Auswahl stimmte: hätte er zwei Fußballer von Bayern München für seine Enthüllung gewählt, wäre es denen übel ergangen.
Dass dieser Effekt nicht für die Ewigkeit war, dass sich die Lage heute wieder zunehmend homophob gestaltet, dafür kann Rosa von Praunheim nichts.
Was bleibt, sind seine c. a. 180 Filme, die unterschiedliche Genres bespielen und auch in der Qualität sehr voneinander abweichen. Meine beiden Favoriten sind seine Rainer–Werner–Fassbinder-Doku* (der einzige mir bekannte Film zu diesem großen Thema, der eine gewisse Ausgewogenheit besitzt) und das Dokumentarspiel „Härte“**. Ich glaube, diese Titel werden ihren Wert noch eine Weile behalten.
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* https://blog.montyarnold.com/2022/04/12/fuer-mich-gabs-nur-noch-fassbinder/
** https://blog.montyarnold.com/2022/07/23/haerte-rosa-von-praunheim/