Wohnwelten (17): Benjamin Franklins Gästezimmer

betr.: So wohnen literarische Figuren

In „Israel Potters Irrfahrten und Abenteuer“ lässt Herman Melville den Gelehrten, Politiker und historischen Popstar Benjamin Franklin (1706-90) auftreten (der alles gewesen sei, nur kein Dichter), ein „Mann der Weisheit“. Er beherbergt den Helden in seinem Haus im Quartier Latin in Paris. Dieses Zimmer wird uns genauer beschrieben:

Israel schloss die Türe hinter sich, trat in die Mitte des Raumes und schaute sich neugierig um. Ein dunkler, schachbrettartig ausgelegter Boden, doch ohne Teppich. Zwei Mahagonisessel mit bestickten, schrecklich abgenützten Sitzen, ein Mahagonibett mit einst bunter, abgebleichter Steppdecke, ein Waschtisch mit zersprungener Marmorplatte, darauf ein Porzellanwasserkrug ohne Henkel.
Das Zimmer war recht geräumig. Dieser Flügel des Hauses, der sehr ausgedehnt war, umfasste die vier Seiten eines Blockes, der vor Zeiten einmal der Herrschaftssitz eines Adligen gewesen war. Die Größe des Raumes ließ daher seine dürftige Ausstattung umso ärmlicher erscheinen. In Israels Augen jedoch wog der marmorne Kaminsims, eine ziemlich neue Zutat, und sein Zubehör nicht nur alles übrige auf, sondern sah wirklich äußerst prächtig und einladend aus, denn in erster Linie war der Sims von einem mächtigen, altmodischen Spiegel aus schwerem Silberglas gekrönt, der wie eine Tafel an der Wand befestigt war. Und in diesem Glas spiegelten sich lustig die folgenden reizenden Gegenstände: 1. zwei Blumensträuße in lieblichen Porzellanvasen, 2. ein Stück weißer Seife, 3. ein Stück rosafarbener Seife – beide Stücke dufteten Stark -, 4. eine Wachskerze, 5. ein Porzellanfeuerzeug, 6. eine Flasche Kölnisch Wasser, 7. ein Papiersack voll Stockzucker in hübschen Stücklein von Teetassengröße, 8. ein silberner Teelöffel, 9. ein Glasbecher, 10. ein Glaskrug mit kühlem, klarem Wasser, 11. eine verschlossene Flasche mit einer kräftig gefärbten Flüssigkeit und der Aufschrift „Otard“.

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