Ein Allerlei aus Resten

Aktuelle Filmkritik

Seit dem Quellenwerk „Alte Frauen in schlechten Filmen“ wissen wir, dass ein Auftritt in einem Horrorfilm für Filmstars mit Vergangenheit ein böses Omen sein kann. Gilt das heute noch? Gilt heute überhaupt noch irgendwas? Ein flammneuer Gruselfilm gibt Auskunft!
Und der aktuelle Podcast:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/they-will-kill-you

They Will Kill You
Horrorfilm von Kirill Sokolov

Warte nur ein Weilchen: Zazie Beetz sucht den Ausgang … – Bild: WB / Nocturnia

Vor zehn Jahren schoss Asia Reaves auf ihren gewalttätigen Vater. Sie wanderte ins Gefängnis und musste ihre kleine Schwester Maria hilflos bei dem Mann zurücklassen, vor dem sie ihn eigentlich schützen wollte. Wieder auf freiem Fuß, will Asia ihre inzwischen erwachsene Schwester aufsuchen, doch Maria ist spurlos verschwunden. Ihr letzter bekannter Job war: Dienstmädchen in einer exklusiven Residenz mitten im gentrifizierten Manhattan, dem monströs-mondänen „Virgil“. Asia bemüht sich dort ebenfalls um eine Anstellung. Von Anfang an hat sie weniger mit der Versorgung der reichen Gäste als vielmehr damit zu tun, sich die Satanisten vom Hals zu halten, die das Haus bewirtschaften. Immerhin findet sie tatsächlich Maria wieder …

Sein Low-Budget-Kammerspiel „Why Don’t You Just Die!“ und den Nachfolger „No Looking Back – Ohne Rücksicht auf Verluste“ realisierte der russische Filmemacher Kirill Sokolov noch in der Heimat, dann siedelte er in die USA über. In seiner neuen Horror-Actionkomödie spielt Zazie Beetz, die wir aus „Deadpool 2“ kennen, die Hauptrolle. Ihre fieseste Gegenspielerin ist Patricia Arquette.
Das Eröffnungsbild ist großartig, wenn es auch als Botschaft dieses Films – ja, so etwas wird hier wirklich behauptet – nicht trägt: eine wohlhabende Familie, die von Schaufensterpuppen dargestellt wird, sehen wir erst aus der Nähe, dann durch eine Schaufensterscheibe, vor der ein übles Unwetter tobt. In dieser Welt leben die Heldin und ihre kleine Schwester. Immer mal wieder wird gegen „reiche Leute“ gewettert, auch ganz zuletzt, als Schlusswort.
In den nächsten Minuten werden noch ikonische Bilder als „Psycho“ und „Shining“ zitiert, dann verlöschen derart weit zurückreichende Anspielungen.
Beim Betrachten des Films fällt auf: Trash wirkt heute wertiger als früher, aber es bleibt Trash. Schlechtes muss nicht billig sein – oder doch zumindest nicht billig aussehen.

Zugegeben: das Wort „Horror-Actionkomödie“ habe ich aus der Verleihwerbung zitiert. Was hier missglückt, ist keine Komödie, es geht eher in Richtung Klamotte und tut auch dieser Gattungsbezeichnung unrecht.
Die mörderischen Action-Ballette, die vor knapp 30 Jahren noch eine Sensation waren, kann heute jede KI herstellen – was sie nicht muss, da uns solche Bilder längst zum Hals raushängen. Das hat Gruselmeister Sokolov nicht mitbekommen, und so beglückt er uns schon in der ersten Viertelstunde mit einem Gemetzel, das keine Steigerung mehr erfahren wird und das – was noch schlimmer ist – auch jedes Geheimnis zerstört, womit wir es bei diesem Edel-Spukhaus zu tun haben. Damit ist auch jeglicher Neugier der Hals umgedreht, was die Heldin in diesem Gemäuer noch erwartet. Zwar wird sich noch eine Erklärung fürs Finale aufgehoben, doch bis die kommt, sind wir längst gegen alles kreuzweise abgestumpft, was in irgendeiner Weise mit Feuer, platzenden Köpfen, Messerkämpfen, Augenverletzungen, Blutfontänen und choreographiertem KI-Slomo-Rumgehopse zu tun hat.
„They Will Kill You“ ist, selbst wenn wir die geringsten Splatter-Erwartungen zugrundelegen, ein derartig wertloser Mist, dass die Rezension hier zuende ist.

Für alle, die noch mögen, nutze ich die restliche Zeit, um zu sortieren, womit wir es hier zu tun haben: mit dem aktuellen Endstadium der Post-Tarantino-Epoche. Was wir hier geboten bekommen, ist restlos alles, worauf wir heute noch hoffen dürfen, wenn sich Schlachtfeste wie diese irgendwie in einen Film einbauen oder in seiner Handlung motivieren lassen. Auch der kürzlich bei den Oscars gefeierte „Blood And Sinners“ ist erkennbar ein Kind dieser Strömung.

Als Quentin Tarantino vor etwas über 30 Jahren seinen Durchbruch hatte, glaubten alle, sie wüssten jetzt, wie sowas geht. Es war, als wäre eine kurze Geheimformel aufgesagt worden, die man nur phonetisch nachplappern muss. Eine Flut von Filmen mit quasselnden Killern und flapsigen Psychopathen ergoss sich in der zweiten Hälfte der 90er Jahre auf die Leinwände. Auch im deutschen Film mangelte es nicht an halbstarken Imitationsversuchen.
Tarantino selbst wurde unterdessen in seinen Konzepten größer, in seinem Idiom opernhafter, in der Erzählung langatmiger. Waren es zunächst „Pulp Fiction“– und „Reservoir Dogs“-Nachahmungsversuche, die jetzt jeder zu beherrschen glaubte, kriegen wir heute hauptsächlich „Kill Bill“– und „Django Unchained“-Varianten zu sehen, nur ohne die popkulturelle Bildung und den persönlichen Geschmack, den wir bei Tarantino bis zuletzt spüren konnten, auch wenn wir letzteren nicht immer teilen mochten. Was ein hochmögendes Prestige-Produkt wie „Blood And Sinners“ mit Küchen-Abfall von der Sorte unseres heutigen Gegenstandes letztlich verwechselbar macht, ist dieses völlige Fehlen von einem Interesse für das Kino an sich, das Kino vor Tarantino, das diesen noch prägte und amüsierte.
Schon hier beginnt das große Missverständnis: Quentin Tarantino hat das, was er da zitierte, nicht nur unerwartet gemischt und zu etwas Eigenem gemacht, er hat diese Sachen erst einmal angeschaut und persönlich geliebt und nicht einfach nur geplündert. Wer ihn heute plündert, interessiert sich nicht für solche Sentimentalitäten. Inspiration ist was für alte Heinis. Sie ist out.   

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