Duzen im Kinderfunk

betr.: Eine Senfzugabe zur „Spiegel“-Titelgeschichte „Hey Du! – Die Tyrannei des Duzens und der neue Wunsch nach mehr Respekt“

„Soll ich Ihnen was sagen? Ich verhungere! Sie fragen, warum? Weil ich seit vier Wochen keine einzige Ameise gefangen habe!“ – Bild: Mirisch Films Inc.

Das Siezen ist nicht nur grammatikalisch einfacher als das Duzen, es ist auch witziger. „Hallo Sie!“ ist komischer als „Hey Du!“, und am falschen Platz gebraucht, macht es eher Vergnügen als das Duzen, das im unrichtigen Moment in der Regel beleidigend wirkt.
Einen ersten Eindruck davon bekam ich als Mitglied der Zielgruppe im Kinderfernsehen der 70er Jahre, wo uns regelmäßig Filme und Cartoons präsentiert wurden, die sich ursprünglich an Erwachsene gerichtet hatten.
Die Cartoons um „The Ant And The Aardvark“ (17 Episoden, DePatie-Freleng Enterprises 1969 – 1971) wurden in der deutschen ZDF-Kinderfunk-Version sogar noch um eine subversive Ebene ergänzt. Synchronbearbeiter Eberhard Storeck machte aus dem männlichen Erdferkel ein Ameisenbärweibchen, das er „Die blaue Elise“ nannte und mit der Komödiantin Marianne Wischmann („Miss Piggy“) stimmlich besetzte. Das würzte nicht nur der Beziehung zu der von ihr verfolgten männlichen Ameise, es brachte auch zusätzlichen Camp in ein Format, das mir erstaunlich müde erschien, als ich es erstmalig im O-Ton betrachtete.
Das Besondere: die Heldin Elise, die sich mit regelmäßigem Blick in die Kamera des Mitgefühls ihres Publikums versicherte und ihre Niederlagen wacker kommentierte, siezte dieses Publikum – und das in der Kinderstunde.
Ich fand es damals nicht auffallend, aber doch sehr angenehm, von einer Cartoonfigur gesiezt zu werden. Und ich begreife mit dem heutigen Abstand, wie viel komischer Storecks subtile deutsche Texte dadurch wurden und geblieben sind.

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