Die wiedergefundene Textstelle: Casablanca revisited, 50 Jahre nach Bogey

Sie fuhren Richtung Küstenstraße. (…) Casablanca! Wie war das überhaupt? (…) Rechts von ihnen war die sonst grüne Natur grau und trist. Das Land machte eine endlose Jahreszeit durch, die weder Winter noch Sommer war und für die Bauern den schlimmsten Alptraum darstellte. Morgens herrschten eisige Temperaturen, unter denen Blüten und Knospen erfroren. Mittags dörrte eine sengende Sonne Täler und Ebenen aus. Es hatte seit drei Jahren nicht geregnet, und der Boden war so trocken, dass die Fellachen schließlich ihr Ackergerät weggepackt und das Pflügen und Säen aufgegeben hatten. Freitags betete man in allen Moscheen des Landes darum, dass endlich ein Wind aufkäme und Wolken brächte. Doch der Regen kam nicht, und unter der bescheidenen Steinbrücke, die das Auto überquerte, war der Er-Rbia ausgetrocknet. Die Bäume waren von einer dicken, weißen Staubschicht bedeckt. In der Ferne sah Mia ein Dutzend ausgemergelter Kühe. Sie irrten über die Ebene und suchten nach etwas Essbarem. Wenn die Dürre anhielt, würde man ganze Herden abschlachten müssen. Und wenn sie nicht auf diese Weise endeten, würden die Kühe irgendwann eine der schwarzen Plastiktüten fressen, die wie Fahnen von den Ästen der Bäume hingen, und ersticken. Sie wandte sich zur anderen Seite und sah dem Zug hinterher, der sie überholte. Dann fuhren sie an einer hohen Mauer entlang, die immer wieder Lücken aufwies. Man konnte nicht sagen, ob die Arbeiten unterbrochen worden waren oder ob die Menschen selbst diese Bogen geöffnet hatten, um ihr Vieh hindurchzulassen. (…) ein paar Baracken, Straßen voller Dreck, ein Esel, ein kleines Mädchen in einem blauen Kleid, ein Tuch um den Kopf gebunden, mit einem pausbäckigen Baby im Arm, ein Mann, der hinten auf einem Karren voller Orangen und Zwiebeln saß, mit Plastikschlappen an den Füßen. Auf der Mauer stehend, zeigten kleine Jungen den hupenden Autos ihren Mittelfinger. (…) Sie kamen nach Casablanca. Mia hatte eine wimmelnde, schmutzige und chaotische Stadt erwartet, eine Stadt wie die Londonder Vororte, die Dickens in seinen Romanen beschrieb, samt ihren Arbeitern mit rußgeschwärzten Gesichtern und den Frauen mit einem schreienden Baby im Arm, die sich nicht unterkriegen ließen. Was ihr zuallererst auffiel, was das Licht, das intensive strahlende Licht, das vom Ozean zu kommen schien und von den weißen Fassaden der hohen Art-Deco-Gebäude reflektiert wurde. Sie passierten die Place des Nations Unies, den Tour de l’horloge, den Parc de la Ligue Arabe. Eine Avenue folgte auf die nächste. Restaurants reihten sich an ausländische Firmen oder Privatclubs, wo die Reichen hingingen, um zu baden und sich zu entspannen. Casablanca vermittelte ihr das Gefühl einer Freiheit, die sie aus Rabat nicht kannte. Sie bemerkte, dass die Boutiquen und Lokale hier oft amerikanische Namen trugen. Während man in Rabat im Bourgogne oder im Café de France zu Mittag aß, trank man in Casablanca ein Glas in „Rick’s“, im „Sun“ oder im „Oklahoma“. Sie erreichten das Geschäftsviertel. Gegenüber der Bank bemerkte Mia das Schaufenster eines Eisladens mit italienischem Namen, und sie sah Männer in Anzügen aus einem Luxushotel kommen. (…)
In der Eingangshalle begann ein merkwürdiger Tanz. Die Telefonistinnen am Empfangstresen verstummten, eine von ihnen richtete sich die Frisur, erhob sich von ihrem Stuhl und nahm Haltung an. Zwei junge Männer drückten sich an die Wand, um Mehdi und das Mädchen, das ihn begleitete vorbeizulassen. Sie nahmen den Aufzug. Mia folgte ihrem Vater in sein riesiges Büro. Der Raum war größer als ihr Wohnzimmer in Rabat. Links gab es einen imposanten Tisch aus hellem Holz, auf dem sich Akten mit farbigen Deckeln stapelten. Ein brauner Lederbecher enthielt Füllfederhalter, und Mia bemerkte das Briefpapier, auf dem rechts oben schöner, himmelblauer Schrift stand: „Generaldirektor“. Gegenüber standen vier Ledersessel um einen Glastisch herum, auf den Uafa den Kaffee stellte. Doch was Mia faszinierte, was sich ihr für immer einprägte, war der Blick auf Casablanca. (…) Die Straße hatte Pastelltöne – hell orange, wassergrün … – und es kam ihr vor, als sähe sie keine echte Stadt, sondern eine Kulisse, die ein Regisseur sich für sie ausgedacht hatte. (…) „In Fès oder in Meknès fragt man dich immer, wessen Sohn du bist. Hier kannst du niemandes Sohn sein. Casablanca ist eine Stadt ohne Gedächtnis, ein El Dorado für Bastarde, Emporkömmlinge, Namenlose. (…)“ (…) War das das Geheimnis ihres Vaters? War er der Sohn von niemandem?

Aus „Trag das Feuer weiter“, dem finalen Band von Leila Slimanis Trilogie über eine marokkanische Familie, die viele autobiografische Züge trägt. Die Schilderung von der Fahrt nach Casablanca bezieht sich also vermutlich auf die Mitte der 90er Jahre.  

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