Die wiedergefundene Textstelle: Ein Killer wird gedungen (1)

betr.: 23. Todestag von Frederick Knott (vor drei Tagen)

Bei Anruf Mord
Dial M For Murder

Warner Brothers 1954
Drehbuch von John Michael Hayes nach dem Theaterstück von Frederick Knott
Regie: Alfred Hitchcock

Zeit: Gegenwart
Ort: Der Londoner Stadtteil Maida Vale, eine vornehme Wohnung

Tonys Monolog – Teil 1: Die Vorgeschichte

Der elegante Mittvierziger Tony Wendice nutzt die Abwesenheit seiner Frau und ihres Gastes aus New York, um einen Mann namens Lesgate unter einem Vorwand in seine Wohnung einzuladen. Erst als die beiden bei einem Cognac zusammensitzen, eröffnet er ihm, dass er ihn von früher kennt. Dann beginnt Tony von seiner Ehe zu erzählen …

Kurz nach unserer Heirat spielte ich in verschiedenen Turnieren und nahm Margot überallhin mit. Aber es gefiel ihr nicht, und als wir zurückkamen, wollte sie, dass ich das Tennis aufgebe und lieber Ehemann spiele. Wir schlossen schließlich einen Kompromiss. Ich fuhr allein zu den Meisterschaften nach Amerika und kam nach ungefähr drei Monaten wieder zurück. Ich merkte sehr bald, dass sie sich verändert hatte, während ich fort war. Sie schien nicht mehr in mich verliebt zu sein. Es kamen Anrufe, die sie sofort unterbrach, wenn ich in der Nähe war. Dann tauchte eine Schulfreundin auf, die sie öfters besuchte. Eines Tages stritten wir uns. Ich hatte für ein Hallentennisturnier gemeldet, und sie wollte mich wie immer nicht begleiten. Ich war im Schlafzimmer, als das Telefon klingelte, das Gespräch schien sehr lebhaft. Und jetzt schien es ihr plötzlich sehr recht zu sein, dass ich spielte, also packte ich meine Sachen in den Wagen und fuhr ab. Aber ich parkte den Wagen zwei Straßen weiter und ging zu Fuß zurück. Zehn Minuten später kam sie aus dem Haus und nahm eine Taxe, ich folgte ihr in einer zweiten. Die Schulfreundin war ein Junggeselle, der in Chelsea wohnte. Ich konnte durch ein Fenster beobachten, wie sie Spaghetti auf einer Gasflamme kochten. Sie sprachen nicht viel, sie schienen sich sehr gut zu kennen.
Es ist wirklich komisch, wie man Leuten ansieht, dass sie verliebt sind.
Ich ging lange durch die Straßen und überlegte mir, was passieren würde, wenn sie mich verlässt. Zunächst einmal müsste ich anfangen, Geld zu verdienen. Es wurde mir plötzlich klar, wie abhängig ich von ihr war. Ich hatte mich an einen gewissen Luxus gewöhnt auf der Höhe meines Ruhmes. Und jetzt war es bald mit dem Tennis vorbei und mit meiner Ehe anscheinend auch. Sie können sich nicht vorstellen, wie mir zumute war. Ich ging in eine Bar und fing an zu trinken. Als ich da so in meiner Ecke saß, kamen mir die unmöglichsten Gedanken. Ich überlegte mir, wie ich den Mann umbringen könnte, dann, ob ich meine Frau töten sollte – und das erschien mir viel vernünftiger. Als ich gerade dabei war, mir diese Situation zu überlegen, kam ich plötzlich auf einen ganz anderen Gedanken. Ich fuhr schließlich gar nicht zu dem Turnier.
Als ich nach Hause kam, saß sie an der gleichen Stelle, an der Sie sitzen. Ich sagte ihr, ich wolle das Tennis aufgeben, um mich ihr besser widmen zu können. Wie sich dann herausstellte, hätte ich mich gar nicht so aufzuregen brauchen. Die Spaghetti waren anscheinend ein zärtliches Abschiedsessen. Der Herr Freund musste wieder nach New York zurück.
Es kamen lange Briefe von drüben, meistens kamen sie donnerstags an. Und sie verbrannte sie alle – außer einem. Den steckte sie von einer Handtasche in die andere und trug ihn immer bei sich. Dieser Brief fing an, mich zu verfolgen, ich musste wissen, was darin stand. Und es gelang mir auch. Der Brief war äußerst interessant. Ich habe ihn ihr gestohlen. Ich bot ihn ihr sogar zum Kauf an in zwei anonymen Briefen. Ich hoffte, sie würde sich dann mit mir aussprechen. Sie tat es nicht, also behielt ich den Brief.
Jedenfalls hatten meine Briefe gewirkt. Sie müssen ihr Gewissen aufgerüttelt haben, denn die Korrespondenz schlief ein. Seither leben wir glücklich miteinander.
Wissen Sie, es ist komisch, dass es genau ein Jahr her ist, seit ich in der kleinen Bar saß und mich mit Mordgedanken trug. Ich hätte mich vielleicht dazu verleiten lassen, wenn ich nicht etwas gesehen hätte, was alle meine Pläne über den Haufen warf.
Ich habe Sie gesehen.

Bearbeitet von Monty Arnold

Dieser Beitrag wurde unter Film, Krimi, Manuskript, Theater abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert