Fortsetzung von gestern
Bei Anruf Mord
Dial M For Murder
Warner Brothers 1954
Drehbuch von John Michael Hayes nach dem Theaterstück von Frederick Knott
Regie: Alfred Hitchcock
Tonys Monolog – Teil 2: Die Erpressung
Sehen Sie, gerade eine Woche vorher war wieder einer dieser Herrenabende, und wir kamen auf Sie zu sprechen. Dass Sie beim Militär zu einem Jahr Gefängnis verurteilt worden waren, das war mir neu. Aber schon in Cambridge haben wir prophezeit: der gute Swann landet nochmal hinter Gittern.
Hat man Ihnen nicht einmal Ihre Kasse gestohlen, als sie damals Kassenwart waren, auf der Uni? Hundert Pfund in einer Kassette, Sie hatten Sie auf Ihrem Zimmer, und am nächsten Tag war sie fort …
Der gute alte Pedell wurde als Täter festgestellt, er verlor immer sein ganzes Geld beim Pferderennen, und die leere Kassette hat in seinem Garten gelegen. Pech für Alfred. – Aber, mein lieber alter Freund, wir alle wussten, dass Sie das Geld genommen hatten!
Sie wollen doch nicht etwa gehen? Interessiert es Sie nicht, zu erfahren, warum ich Sie wirklich habe kommen lassen?
Die Idee kam mir, als ich Sie an dem bewussten Abend sah. Ich sah plötzlich alles klar vor mir.
Ein paar Monate vorher hatten Margot und ich ein gemeinsames Testament gemacht, wonach – falls einem von uns etwas zustoßen sollte – der Überlebende Alleinerbe würde. Ihr Vermögen beläuft sich auf ungefähr 90.000 Pfund, alles mündelsicher angelegt und sehr leicht zu realisieren. Nur hatte ich zu bedenken, dass der Verdacht auch mich fallen würde. Ich brauchte ein Alibi. Und zwar ein gutes. Da sah ich Sie.
Ich habe mich oft gefragt, was wohl Leute machen, wenn sie aus dem Gefängnis kommen, Leute wie Sie zum Beispiel. Können sie Arbeit finden? Halten die alten Freunde zu ihnen? Wenn solche Leute nun nie Freunde gehabt haben? Meine Neugierde, das zu erfahren, war so groß, dass ich Ihnen folgte. Ich folgte Ihnen an dem Abend bis nach Hause.
Und seitdem folge ich Ihnen.
Ich hatte gehofft, dass ich Sie einmal bei etwas ertappen würde und dass ich dann in der Lage wäre, Sie zu beeinflussen.
Nach ein paar Wochen kannte ich alle Ihre Gewohnheiten, und das machte es bedeutend leichter.
Sie wissen ja, wie es ist. Zuerst war es nur Zeitvertreib, aber je mehr ich mich damit befasste, desto spannender wurde es. Ich bekenne, dass Sie mich faszinierten. Es gab Augenblicke, da hatte ich tatsächlich das Gefühl, dass wir eine Person wären.
Sie gingen regelmäßig zum Hunderennen, am Montag und am Donnerstag. Ich ging auch, nur, um in Ihrer Nähe zu sein.
Sie hatten Ihren Namen in Adams geändert.
Ich konnte leider nichts Nachteiliges finden, das entmutigte mich!
Dann verschwanden Sie eines Tages aus Ihrer Pension. Ich rief Ihre Wirtin an. Ich sagte ihr, Mr. Adams schuldet mir fünf Pfund. Das machte gar keinen Eindruck. Mr. Adams schulde ihr sechs Wochen Miete und einem ihrer Mieter 55 Pfund. Dabei sei Mr. Adams ein so reizender Mensch gewesen – das brachte sie am meisten aus der Fassung.
Ich hatte also Ihre Spur verloren und Sie beim Hunderennen wiedergefunden. Ich folgte Ihnen bis zu Ihrer neuen Wohnung am Belsize Park. Aus Mr. Adams war Mr. Wilson geworden. Mr. Wilson verließ Belsize Park mit einer unbezahlten Rechnung von 16 Wochen, war aber um die Begegnung mit einer Miss … Miss Wallace reicher.
Sie gingen mit Miss Wallace jeden Mittwoch und Sonnabend aus. Sie war schrecklich in Sie verliebt, nicht wahr? Wahrscheinlich dachte sie, Sie ließen sich den flotten Schnurrbart wachsen, um ihr zu gefallen. Arme Miss Wallace.
Juli, August, September wohnten Sie im Carlyle Court 27, erste Etage, bei einer Mrs. Van Dorn. Ihr verstorbener Mann hinterließ ihr ein großes Mietshaus, und zwei Hotels. Was für ein gutes Spekulationsobjekt, Captain Lesgate! Nur ein Nachteil: sie ist äußerst anspruchsvoll und lässt sich gern den Hof machen. Darum haben Sie versucht, Mrs. Van Dorns Wagen zu verkaufen. – Ich weiß, dass Mrs. Van Dorn Sie beauftragt hat, ich habe sie angerufen, kurz bevor Sie kamen. Aber sie verlangt nur 800. Das nächste Polizeirevier ist gegenüber der Kirche, zwei Minuten zu Fuß. Was würden Sie da erzählen? Alles? Was Sie wissen über Mr. Adams und Mr. Wilson? Dass ich versucht habe, Sie zu erpressen, für mich meine Frau ermorden? Was hält Sie davon zurück? Wenn meine Frau davon erfährt, wird sie sich totlachen! Und dass ich ihr gefolgt bin und sie beim Spaghettikochen beobachtet habe und den anderen Unsinn … man würde annehmen, dass Sie ihr selbst gefolgt sind. Warum sollten Sie Ihre Handtasche stehlen und Erpresserbriefe schreiben? Können Sie das Gegenteil beweisen? Sie können jedenfalls nicht beweisen, dass ich es war! Es würde darauf hinauskommen: Ihr Wort gegen mein Wort!
Ich würde nur sagen, dass Sie heute abend halb betrunken zu mir gekommen seien und aufgrund unserer alten Bekanntschaft versucht hätten, sich Geld zu borgen. Als ich es ablehnte, sprachen Sie von einem Brief, der meiner Frau gehört. Wenn ich Sie recht verstanden habe, versuchten Sie, ihn mir zu verkaufen. Ich gab Ihnen alles Geld, das ich bei mir hatte, und Sie gaben mir den Brief.
Sie machten mich darauf aufmerksam, dass, falls ich die Polizei benachrichtigen würde, Sie eine tolle Geschichte erzählen würden: Ich hätte von Ihnen verlangt, Sie sollten meine Frau ermorden.
Aber bevor Sie etwas unternehmen, denken Sie an die Folgen! Ich bin ziemlich bekannt. Man würde Fotos von mir veröffentlichen und auch von Ihnen. Und dann würde eine Abordnung von Pensionsinhaberinnen aufmarschieren, die nichts lieber täten, als über Ihre Charaktereigenschaften auszusagen. Und möglicherweise
hat Sie irgendjemand mit Miss Wallace gesehen.
Sie waren so vorsichtig, sich nie öffentlich mit ihr zu zeigen. Sie trafen sich an verschwiegenen Plätzen, wo Sie keiner kannte. Zum Beispiel in einer kleinen Teestube in Pimlico. Ja, es war sehr bürgerlich, nicht? Dahin kann man mit Mrs. Van Dorn schlecht gehen. Übrigens: weiß Mrs. Van Dorn von Mr. Adams, Mr. Wilson und Miss Wallace?
Sie haben die Absicht, Mrs. Van Dorn zu heiraten, stimmt’s?
Nein, ich bin nicht klug, ich hatte nur Zeit, mich mit Ihnen zu beschäftigen und mich in Ihre Lage zu versetzen. Daher weiß ich, dass Sie einverstanden sein werden. Weil Sie vorwärtsgehen werden wie der Esel, der den Stock auf seinem Rücken spürt und den Futtersack vor sich sieht!
Bearbeitet von Monty Arnold
