Die Unvollendeten

betr.: Filme, die nicht gedreht wurden.

Kunstwerke, die es gar nicht gibt, bilden so etwas wie ein Genre für sich. Michelangelos Entwürfe für das monumentale Grabmal Papst Julius II. und Charles Dickens‘ „The Mystery Of Edwin Drood“ sind zwei beliebige Beispiele der Hochkultur, „Arzak – Der Raumvermesser“ des verstorbenen Comic-Künstlers Moebius oder die TV-Serie „Boss“ mit Kelsey Grammer erinnerten uns in der jüngeren Vergangenheit an die Launen küssender Musen. Die Jack-Arnold-Biografin Dana M. Reemes nimmt sich dessen vergebliche Versuche, sein Lebenswerk mit dem Dino-Abenteuer „The Lost World“ von Arthur Conan Doyle abzuschließen, zum Anlaß darüber nachzudenken, wie endlos die Liste jener Filme ist, die wir nicht werden sehen können, obwohl es sie hätte geben sollen. Sie führt z.B. Ruben Mamuoilians Tonversion von „R.U.R.“* oder den „King Kong“-Vorläufer „Creation“ an.

Alfred Hitchcock spricht in seinem berühmten 50-Stunden-Interview mit François Truffaut** von einer ganzen Reihe unverwirklichter bzw. unvollendeter Projekte. Zu den ersteren zählen „Mary Rose“ und „No Bail For The Judge“, in dem Audrey Hepburn mit Laurence Harvey und John Williams gespielt hätte (einem geschätzten Nebendarsteller von Hitchcock und Billy Wilder). Einer damals populären Theorie zufolge, legte die skeptische Audrey Hepburn ihre Schwangerschaft so, dass dieses Projekt platzte. Hitchcock drehte stattdessen „Psycho“, in dessen Produktionskonzept – billig und in schwarzweiß mit seinem Fernsehteam heruntergekurbelt – etwas vom Trotz eines Regisseurs hineingeflossen ist, der umdisponieren mußte – zum Besten des Films und des Publikums. Die Verwirklichung von „Mary Rose“ hatte Hitchcock zum Zeitpunkt des Interviews noch nicht aufgegeben. Er erzählte Truffaut die Handlung, eine romantische Mystery um ein mehrfach verschwindendes und wiederkehrendes Mädchen. Eine Pointe, die der Meister uns und seinem Gesprächspartner angeboten hat: Wenn unsere Toten tatsächlich zurückkämen, wüßten wir vermutlich gar nichts mit ihnen anzufangen. Auch eine Version des brillanten Bühnenkrimis „Die Falle“ von Robert Thomas hat er in Erwägung gezogen.

Auch bei Orson Welles ist die Liste der Nicht-Verfilmungen groß – er war sogar berüchtigt dafür, seine Vorhaben nicht zuendezubringen, und jeder nach 1941 überhaupt von ihm fertiggestellte Film mutet rückblickend fast wie reiner Zufall an. Bis weit über seinen Tod hinaus wurden zwei Projekte besonders lebhaft diskutiert. Der in Persien gedrehte „The Other Side Of The Wind“ mit John Huston wäre sein Abschiedsfilm geworden, fiel aber nach der Machtergreifung des Ajatollah in Staatsbesitz. Welles hat bis zu seinem Tod um die Freigabe des Negativs prozessiert, das in einem Tresor in Paris liegt. Nicht ganz so weit kam das notorisch unter Geldmangel leidende Genie mit „The Deep“, in dem Jeanne Moreau, wiederum Laurence Harvey und Welles‘ junge Geliebte Oja Kodar an der Seite des Meisters auftreten sollten. Hier tyrannisiert ein Psychopath ein segelndes Paar, das so nett und unvorsichtig war, ihn an Bord zu nehmen. 1989 realisierte schließlich Philip Noyce den Stoff mit Billy Zane und Nicole Kidman.

Das ehemalige Monty-Python-Ensemblemitglied Terry Gilliam bewegt sich zumindest hinsichtlich seiner verlorenen Liebesmüh auf den Spuren von Orson Welles – so eindrucksvoll ist die Liste seiner Werkzusammenbrüche. „The Man Who Killed Don Quixote“, in den unterwegs z.B. Johnny Depp und der charismatische französische Charakterkomödiant Jean Rochefort verwickelt waren (Wäre der nicht eine Traumbesetzung für die Hauptrolle gewesen?), dürfte inzwischen endgültig versandet sein. (Auch Orson Welles drehte übrigens immer wieder Szenen für seinen „Don Quixote“.) Gilliam nimmt es öffentlich mit Humor. So schlimm kann es aber auch nicht sein – schließlich hat Woody Allen einmal einen kompletten Film weggeschmissen und gleich neu gedreht („September“).

Dass selbst so berühmte und sicher gut vernetzte Leute es bisweilen nicht schaffen, ihre Arbeit zu machen – Chaplin nicht seinen Napoleon-Film, Jerry Lewis nicht sein Holocaust-Drama „The Day The Clown Cried“ – mag für manchen von uns Normalbürger etwas Tröstliches haben.

 

* Durch das tschechische Drama „R.U.R. – Rossum’s Universal Robots“ von 1912 gelangte der Begriff Roboter in die Umgangssprache.

** Nachzulesen in dem Sachbuch-Klassiker „Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?“

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