Rhett Butler auf VHS

betr.: 55. Todestag von Clark Gable

Es gibt Kultfilme, es gibt Klassiker, und es gibt die Glücksfälle, die beides sind. „Vom Winde verweht“ ist definitiv „nur“ ein Klassiker, obwohl die Werbung ihm das andere Bäpperl auch schon mal aufklebte. Und obwohl es mindestens einen Dialogsatz gibt, der immer wieder gern zitiert wird – was tatsächlich ein Indiz für den Kultfilm ist: „Aber nicht heute, verschieben wir’s auf morgen!“ Gut, der Satz ist ein Leitmotiv der Heldin, und sie verwendet ihn mehrmals.

Auf diesen Klassiker haben wir Deutschen zweimal warten müssen. Als er 1939 herauskam, war uns gewissermaßen die eigene Geschichte im Weg.
1951 wurde er endlich synchronisiert und in unsere Kinos gebracht.
Im Fernsehen lief er erstmals zu Weihnachten 1984, und das war ein wirkliches Spektakel, an das ich mich noch lebhaft erinnern kann. Schon die schiere Länge des Werkes ließ das Deutsche Fernsehen an seine bisherigen Grenzen stoßen. Es gab eine Pause nach 101 von 215 Minuten, zusätzlich bastelte das ZDF auch noch ein Vorfilmchen: eine Bildergalerie mit Standfotos, die mit einem Meddley der wichtigsten Musikthemen unterlegt war. Und dann diese Technicolor-Farben! –Die waren zwar nichts Besonderes im damaligen TV-Programm, aber hier wirkten sie besonders beschwipsend.

Schon Wochen zuvor wurden Prominente nach ihren Gefühlen angesichts dieses Ereignisses befragt. Publikumsliebling Hans Clarin erklärte, um 19 Uhr 30 gäbe es in seinem Hause Abendbrot, aber er werde den Film aufzeichnen und ihn seiner Familie zu einem späteren Zeitpunkt vorführen. Damit gab er vor allem die Botschaft aus: ich habe schon einen Videorecorder – Sie auch?
Einige hatten tatsächlich schon einen: im Vorfeld der Sendung wurden sagenhafte 16.000 Cassetten verkauft (- was auch daran lag, dass die maximale Bandlänge noch bei 180 Minuten lag). Ein noch besseres Geschäft hatte der enigmatische Filmmogul Leo Kirch gemacht: 150 Millionen Mark Gebührengelder hat ihm der Deal eingebracht.
Nur „das erste Programm“ hatte nichts zu lachen: parallel zu der größten Liebesschnulze der Filmgeschichte schickte es die ohnehin stets etwas muffelig wirkende Inge Meysel auf Sendung.

Einige Jahre später besaß ich meinen ersten Hi-Fi-Videorecorder, also wollte ich mir „Vom Winde verweht“ nochmals aufzeichnen. Leider wurde er nun auf SAT.1 ausgestrahlt (Leos Hauskanal), und dieser Sender hängte in jenen Tagen einen quietschbunten Ball in die linke obere Ecke des Bildes. Wie sich herausstellte, war dieses Logo das einzig bunte an der Übertragung – der Sender hatte die Filmfarben „korrigiert“. Natürlich sah „Vom Winde verweht“ nun keineswegs realistischer aus, er moderte in rot-graubraun vor sich hin. Ich beschloß, mich mit einem kleinen Experiment aufzumuntern. Ich griff nach meiner Fernbedienung und drückte feste auf den Farbregler. Es half nichts – die Bilderstürmer der Kirch-Gruppe hatten ganze Arbeit geleistet. Das Bild wurde immer dunkelroter und brauner. Immerhin der SAT.1-Ball regte sich. Seine Farben quollen aus ihren Ritzen und liefen innen am Bildschirm herunter, als seien sie der Schwerkraft unterworfen.

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