Broadway’s Like That (36): Die Kunst der intelligenten Ballade

13. Richard Rodgers mit Oscar Hammerstein II (2)

Zu den Neuerungen die mit „Oklahoma!“ Einzug hielten gehört auch der Brauch, Musicals kurz nach der Broadway-Premiere in Originalbesetzung für die Schallplatte einzuspielen. Dass dies also unabhängig vom noch nicht absehbaren Erfolg geschah, führte dazu, dass sich viele sonst vergessene Shows immerhin im „Original Broadway Cast Recording“ erhalten haben.

Auch wegen des ungewöhnlichen folkloristischen Sujets, hatte man der New Yorker Premiere von „Oklahoma!“ mit Skepsis entgegengesehen. Ein Bonmot kursierte: „Keine Beine, keine Witze, keine Chance!“ Es war dann gerade der Rückgriff auf amerikanische Traditionen, der einer der Gründe für den gewaltigen Erfolg von „Oklahoma!“ ausmachte.
Eine Bekräftigung amerikanischer Werte musste 1943 – zu Kriegszeiten – hochwillkommen sein. Diese Tendenz mag aber bereits in den 30er Jahren vorbereitet worden sein, als die Amerikaner – gebeutelt von der Depression – auf der Suche nach Identität und Kontinuität, ihr Land, ihre Traditionen gleichsam neu entdeckten.
In der Kunstmusik, etwa in den folkloristischen Balletten von Aaron Copland, schlug sich diese Strömung gleichfalls nieder. 1942 wurde an der Met sein Ballett „Rodeo“ uraufgeführt. Darin fiel eine erstaunliche Choreographie auf. Agnes DeMille, die Choreographin, wurde für „Oklahoma!“ engagiert. Und auch hier gelang ihr Außergewöhnliches. „Wir wollen keine Chorus Line, wir wollten Menschen“ war ihre Devise bei der Auswahl der Tänzer. So bestach denn auch an ihrer Choreographie zu „Oklahoma!“ die große Charakterisierungskunst, welche die Charakterisierung der Personen durch Texte und Musik tänzerisch ergänzte, vertiefte und fortführte.
Der Song “Out Of My Dreams” leitet zum zentralen Traumballett von „Oklahoma!“ über, das in DeMilles Choreographie den inneren Konflikt der Protagonistin – sie sieht sich zwischen zwei Männern – ihre Hoffnungen und Ängste sichtbar machte und deutete. Nicht nur Ballett war so in „Oklahoma!“ zu einem wesentlichen Bestandteil der Handlung geworden. Ebenso waren Musik und Texte stärker in die Handlungsstruktur integriert als die oftmals eher willkürlichen Nummern früherer Musicals. „Es war ein von vielen geschaffenes Werk, das den Eindruck erweckte, von einem allein geschaffen worden zu sein“, beschreibt Rodgers das Erfolgsrezept von „Oklahoma!“.
Bestrebungen zu einem von Thema und Gestaltung her anspruchsvolleren Musical lagen Anfang der 40er Jahre gleichsam in der Luft. Erinnert sei an Rodgers eigenes „Pal Joey“. Und auch Kurt Weill hatte 1941 mit „Lady In The Dark“ zu einer schlüssigen Beziehung zwischen Handlung und Musik gefunden. „Oklahoma!“ bündelte diese Tendenzen und vollzog den Schritt von der Musical Comedy zum gewichtigeren Musical Play, ein vergleichsweise seriöses Drama, aus Handlung Gesangs- und Tanznummern organisch hervorgehen. In ihren weiteren Arbeiten festigten Rodgers & Hammerstein dieses Konzept der Integration.

Für “Carousel”, das 1945 auf “Oklahoma!” folgte, hatte Oscar Hammerstein Ferenc Molnars Stück „Liliom“ bearbeitet. Vom Budapest des Jahres 1919 verlegte er es an die Küste Neuenglands im Jahr 1873. Zudem gab er dem Schluß des Stückes eine versöhnliche Wendung. Obwohl tränenreich, ist das Ende doch tröstlich. Wegen des emotionalen Gehaltes, aber auch, weil ihm seine Partitur besonders geglückt schien, schätzte Rodgers unter seinen Musicals “Carousel” am meisten. Es ist wohl in der Tat seine geschlossenste und musikalisch ehrgeizigste Arbeit.
Schon der Beginn macht dieses Streben nach Geschlossenheit deutlich. Der “Carousel Waltz” vermag den Ton des Stückes eindringlicher vorauszuempfinden als eine konventionelle Medley-Ouvertüre. Eine Ballett-Pantomime, die während seines Erklingens auf der Bühne abläuft, führt gleichzeitig in die Handlung ein. Musikalische und dramaturgische Verdichtung erzielt Rodgers aber vor allem durch das Einfügen von Musical Scenes, d.h. längerer Sequenzen aus ineinander übergehenden musikalisch untermalten Dialogen, eher rezitativischen Passagen und Songs.
Im großen Liebesthema der Show „If I Loved You“ belauschen wir den Dialog der beiden Hauptfiguren, die sich näherkommen, aber ihren Gefühlen füreinander noch nicht trauen und sich ausmalen, wie es wäre, wenn sie sich liebten. (Diesen Kunstgriff hatte Oscar Hammerstein schon zuvor angewandt.)

show-boat_kernDie beiden großen Konjunktiv-Songklassiker von Oscar Hammerstein: „Make-Believe“ aus „Show Boat“ (1927) und „If I Loved You“ aus „Carousel“ (1945) – die Kunst, ein nicht-banales Liebesduett zu schreiben.

if-i-loved-you

Als uneinholbarer Evergreen aus „Carousel“ hat sich jedoch – wenn auch erst mit einiger Verzögerung – ein Song aus dem Finale etabliert: „You’ll Never Walk Alone“.*

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* Siehe dazu den Blog vom 19.4.2017

Forts. folgt

 

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1 Antwort zu Broadway’s Like That (36): Die Kunst der intelligenten Ballade

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