Wohnwelten (6): Anja in „Otter Otter Otter“

Der Ich-Erzähler in Clemens J. Setz‘ Kurzgeschichte „Otter Otter Otter“ hat ein Rendez-Vous mit einem blinden Mädchen. An ihrer Wohnung bemerkt er eine Besonderheit, von der er nicht weiß, ob sie sich darüber eigentlich im Klaren ist. Der Erzähler verpasst den geeigneten Augenblick, sie danach zu fragen, und seine Besuche werden fortan von dieser Ungewissheit überlagert …

Anjas Wohnung lag nicht weit vom Girino in der Klosterwiesgasse. Das Haus besaß eine schöne Fassade voller Steingesichter. Am eisernen Zaun krümmten sich Fahrräder. Die Nebenhäuser waren auffallend eiscremefarben, (…)
Anja entschuldigte sich für die Unordnung. Aber ich hatte gar keine Zeit, darauf zu achten, denn gleich beim Betreten der Wohnung fielen mir einige auf den sonst kahlen Wänden des Vorzimmers stehende Wörter auf. Zunächst hatten sie wie Flecken eines minimalistischen Tapetendesigns ausgesehen, aber es waren Wörter, geschrieben mit dickem, schwarzem Filzstift.
SCHEISSHURE. SCHEISS HUR. HUR MIESE. HUR HUR. KLANE HUR KLANE HUR. DRECKFUT SCHEISS.
Ich muss wohl eine Weile blöd glotzend dagestanden sein, denn Anja rief plötzlich nach mir.
(…) Auch in der Küche, Herrgott, es ging so weiter. Auf den Schränken, über dem Herd. Nicht wirklich dicht beschrieben, aber überall zumindest ein Wort, alle im selben Tonfall.
Ob ich Tee wolle? Sie habe köstlichen Tee aus den Anden.
„Ach so, ja, bitte.“
Anja lachte über meine Schüchternheit.
Ich saß da und las die Wände durch. Du liebe Zeit. Ein grotesk elongiertes SLUT stand direkt neben mir an der Wand, der Abstand zwischen den einzelnen Buchstaben so lang wie ein Unterarm.
(…) Quer überm Küchenschrank stand in riesigen, eigenartig hochflackernden Lettern ARSCH SAU SAU SAU und DU MIESES SCHEIS. Die fehlerhafte Schreibweise machte einen besonders bösartigen Eindruck.
„Wollen wir ins Wohnzimmer?“
Ich folgte ihr. Hier gab es schöne Möbel, altersfleckig, aber charaktervoll. Ja, auch hier ging es weiter mit den geisteskranken Wörtern, einige waren sogar in roter Farbe geschrieben. Und da, auch in Blau.

Dieser Beitrag wurde unter Gesellschaft, Literatur abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert