Bescheidenheit als alter Hut: Autofiktion (2)

Fortsetzung vom 13.1.2026

Ohne dass ein Aufhebens gemacht wurde, war bis Mitte des 20. Jahrhunderts die fiktionale Erzählkunst a priori reich an gelebtem Leben und gemachten Erfahrungen. Dann brach eine längere Periode des Friedens in der Westlichen Welt an (die eben im Begriff ist, zuende zu gehen); sie war bequem und schadete gleichwohl der Inspiration. Die Jahre auf See etwa haben die Werke von Herman Melville (siehe unten) und Joseph Conrad geprägt. Solche Erfahrungen wurden umgekehrt – falls sie in der jeweiligen Biographie nicht vorkamen – von einem Autor wie Edgar Allan Poe als entsetzliche Lücke empfunden. Sein einziger Roman „Die Abenteuer des Arthur Gordon Pym aus Nantucket“ ist auch Nicht-Seefahrern leicht als Prosa eines Erzählers erkennbar, dem es an einschlägiger Erfahrung fehlt. Kurioserweise kommt ausgerechnet dieses phantastische Werk als Erlebnisbericht daher, als (restlos fiktive) Autofiktion auf hoher See. Conrad, Melville und Co. hingegen verzichteten darauf, sich selbst zum Teil ihrer Erzählung zu machen. Ebenso Truman Capote (siehe wiederum unten), der zum Ende seiner tatsachenbasierten Erzählung hin tatsächlich so sehr Teil derselben war, dass die strikte Auslassung seiner Person zu erzählerischen Verrenkungen führte.
Die Besessenheit, sich selbst wichtig, zum Thema und zum Wahrheits-Gütesiegel des eigenen Textes zu machen, ist in ihrer heutigen Form etwas Neues.
In seinem Nachwort zur Neuübersetzung von Upton Sinclairs Tatsachenroman „Boston“ über den Justizskandal um Sacco und Vanzetti* schreibt Dietmar Dath:

»Kann ein Roman wahr sein? In welcher Gebrauchsweise des Wortes „Wahrheit“ steckt die Möglichkeit, ein Erzählwerk an diesem Wort zu messen? Wer so fragt, weiß wohl schon, dass da ein anderer Wahrheitsbegriff gesucht werden muss als der, an dem man die Gattung einer naturwissenschaftlichen oder mathematisch-logischen Aussage eicht. Der gesuchte Wahrheitsbegriff ist frech unsachlich, es geht nicht um Sachen, man will damit von Menschen geschaffene Sachverhalte zu fassen kriegen, soziale, speziell: literarisch-ästhetische.
In den Vereinigten Staaten von Amerika ist man das Ineinandergreifen von Recherche und Erzählkunst seit einiger Zeit gewohnt. Herman Melvilles „Moby Dick“ (1851) zum Beispiel hat ein langes Vorspiel voller Expositionsmaterial, das dann im Roman auf der Jagd nach dem weißen Wal untergeht wie ein vollbeladenes Schiff im Meer. Truman Capotes „In Cold Blood“ (1965) ist eine Kriminalreportage und zugleich vollkommene Prosa. Norman Mailers „The Executioner’s Song“ (1979) schließlich, das großartige Buch über den Fall Gary Gilmore, die wahre Geschichte eines Mannes, der gegen alle humanitären Initiativen, die ihm zur Hilfe kommen wollten, darauf bestand, für Verbrechen, die er begangen hatte, hingerichtet zu werden, vereint die vorzüglichsten Eigenschaften von Melvilles und Capotes Arbeit. Denn Mailers Text ist sowohl Ergebnis von umfangreichen Recherchen, Interviews und Dokumentenlektüre als auch die überwältigende Texterfahrung einer mit Beobachtungen nicht zu zähmenden Ereignismonstrosität, die wiederum für einen ganzen historisch-gesellschaftlichen Gesamtzustand steht.«

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* Menasse Verlag Zürich 2017

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