„Über Geschmack lässt sich streiten!“, lautet eine Redensart, „Über Geschmack lässt sich nicht streiten!“ eine andere. Beide bedeuten dasselbe: die allermeisten Menschen mögen nur, was sie kennen, und sind nach einer kurzen kindlichen Phase der Aufgeschlossenheit, in der andere für sie das Essen, die Musik und die Anziehsachen ausgesucht haben, gar nicht mehr daran interessiert, ihren Fokus auszuweiten. Oder eben darüber zu „streiten“.
Jeder mag das Wenige, das er kennt – was bleibt ihm übrig?
Mit Geschmack hat das nichts zu tun, denn der würde die Möglichkeit voraussetzen, zwischen mehreren unterschiedlichen Optionen zu wählen.
Das können nur die wenigen, die nach dem Ende der Kinder- und Jugendzeit weiterforschen und die Kelchblätter ihrer Geschmacksknospen beweglich halten. Der früh gesättigte Normalmensch begegnet diesem Ansatz mit Unbehagen und wehrt die als autistisch empfundenen Differenzierungsangebote mit Kopfschütteln ab, vorzugsweise mit einer der zuerst genannten Redensarten. Der Musiker Steffen Schleiermacher hat eine Anekdote dazu, die durch ihren extremen Charakter anschaulich macht, was hier gemeint ist: „Als ich vor Jahren für längere Zeit in Japan wohnte, bin ich ins Nō-Theater gegangen, das höfische, alte Tanztheater. Es war eine fantastische Aufführung, fand ich. Danach habe ich als einziger erheblich Beifall geklatscht. Ich wurde von meinem Sitznachbarn sehr höflich darauf hingewiesen, dass es mir nicht zusteht, zu applaudieren, weil ich die Qualität der Aufführung überhaupt nicht einschätzen könne. Er hatte nicht unrecht, denn ich hatte im Grunde nur die Oberfläche gesehen: eine seltsame Musik, ritualisierte Bewegungen, prunkvolle Masken, ganz minimalistisches Theater mit Gesten … man kriegt eigentlich nicht mit, worum es geht. Offensichtlich sind es immer sehr staatstragende Themen, die da verhandelt werden. Der Singsang, die ganze Atmosphäre hat mich begeistert, aber ich blieb natürlich an der Oberfläche stecken. Von all den Vorschriften – die Gestik, die Tonhöhe, die Proklamation betreffend – hatte und habe ich keine Ahnung. Ich wusste nur, dass es mich berührte, ohne es richtig oder falsch finden zu können.
“