Kultfilm Azubis: Billy Wilder – Double Feature

Auch Cineasten alter Schule kommen ins Schleudern, wenn man sie auffordert, die späten Arbeiten von Billy Wilder aufzuzählen, der Königs der Filmkomödie. Wetten, dass unser heutiger Geheimtipp den wenigsten einfällt, wenn überhaupt? Aber zuerst beschäftigt uns der Klassiker im heutigen Podcast:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/manche-moegen-s-heiss-das-privatleben-des-sherlock-holmes

A) Manche mögen’s heiß / Some Like It Hot
Amerikanischer Komödienklassiker von 1959

Die arbeitslosen Tanzmusiker Joe und Jerry werden in der Prohibitionszeit Zeugen einer Vendetta unter Gangstern – und damit zu Freiwild. Um sowohl Gamaschen-Columbo und seinen Killern als auch den Minusgraden im winterlichen Chicago zu entkommen, schließen sich die Hungernden  en travestie einer Damenkapelle an, die eine Tour ins sonnige Florida unternimmt. „Josephine“ und „Daphne“ halten ihre Maskerade auch dann noch aufrecht, als sich beide in ihre Kollegin, die Ukulelespielerin Sugar, verlieben. Doch dann findet ausgerechnet in ihrem Strandhotel eine große Gangstertagung statt, zu der auch Gamaschen-Colombo und seine Bande anreisen …

Für jene, die das Kino vor 1999 überhaupt wahrnehmen, hält diese Klamotte unangefochten den Ehrenplatz als größte Kinokomödie nach dem Ende der Stummfilmzeit. Sie brachte Marilyn Monroes zweitwichtigste Filmszene hervor – den Song „I Wanna Be Loved By You“ –, führte Billy Wilder mit seinem Lieblingsdarsteller Jack Lemmon zusammen und bereicherte mit ihrer Schlusszeile den internationalen Wortschatz. Und das sind nicht einmal die größten Verdienste dieses Klassikers.

B) Das Privatleben des Sherlock Holmes / The Private Life Of Sherlock Holmes
Englisch-Amerikanisches Drama von 1970
50 Jahre nach dem Tod von Dr. Watson enthüllen unveröffentlichte Manuskripte pikante Details aus dem Leben des großen Sherlock Holmes. Im Jahre 1887 wird eine bewusstlose Frau bei ihm in der Baker Street abgeliefert. Der gelangweilte Holmes ist insgeheim erleichtert, zwischen zwei Fällen mit ihr und Watson nach Schottland zu reisen, um ihr Rätsel zu lüften. Doch der Fall wird ihn menschlich besonders herausfordern – und einmal mehr mit seinem Bruder Mycroft aneinandergeraten lassen … 

Dies ist Billy Wilders zärtlichster Film, obwohl er typische Exempel seines Humors enthält. Dass Holmes von ihm weder parodiert noch recht eigentlich demontiert wird, sorgte für allgemeine Irritation. Doch zeigt uns kein anderer Beitrag zum Sherlock-Holmes-Kosmos einen so lebendigen Dr. Watson, einen, der seinen Partner ebensosehr ergänzt wie kontrastiert: Sinnesmensch contra Verstandesmensch. Außerdem gibt es unheimliche Mönche, Zwerge, das Ungeheuer von Loch Ness, eine geheime Superwaffe, Queen Victoria und Christopher Lee.

Nächste Woche: Belle de Jour und Live Flesh

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4 Kommentare zu Kultfilm Azubis: Billy Wilder – Double Feature

  1. Hans-Bernhard Barth sagt:

    Lieber Monty,
    lieber Torben,

    danke für die jüngsten Kultfim-Azubis mit einem „Double whammy“ von Filmen aus meiner insgeheimen Favoriten-Liste!
    Über beide Wilder-Filme gibt’s für mich wenig zu diskutieren, aber noch viel zu erzählen. Ich will’s mir aber erstmal verbeißen, hier noch viel Senf dazuzugeben, und mich auf zwei Dinge beschränken:

    1) Der deutschsprachige „Vorgänger“ von „Some Like It Hot“ war 1951 „Fanfaren Der Liebe“ von 1951, Regie: Kurt Hoffmann, mit Dieter Borsche und Georg Thomalla in den Hauptrollen. Hoffmanns und Wilders Film beruhen tatsächlich beide auf demselben, 1935 in Frankreich erstmalig verfilmten Treatment von Robert Thoeren und Michael Logan, was bei Wilder nichts Unübliches ist, denn er hat oft fremde Stoffe als Ausgangspunkt für eine grundhafte Überarbeitung im Team mit seinem jeweils aktuellen Co-Autor verwendet (ein anderes derartiges Beispiel wäre „One, Two Three“, dessen Plot aus einer ungarischen Theaterfarce aus der Zwischenkriegszeit hervorging).

    „Fanfaren der Liebe“ kann mensch gegenwärtig übrigens unter
    https://youtu.be/KQsOjivvePY?is=asY195LT_kXSO794
    auf DuTube! finden, wenn’s interessiert.

    2) Im Gegensatz zu Wilders früheren Erfolgsfilmen im alten Hollywood-Studiosystem, bei denen es ihm als Kassenmagnet stets gelang, auch die Schnittrechte für sich mit herauszuverhandeln, hatte er diese für „The Private Life Of Sherlock Holmes“ nicht erhalten. Ursprünglich als große, überlange Breitwand-Produktion in der Tradition der 50er und 60er Jahre konzipiert und auch abgedreht, bekamen Studio (d.h. Investoren) und Verleih nach dem Rohschnitt kalte Füße und erzwangen verschiedene nachträgliche Eingriffe in die Film- und Erzählstruktur — neben dem leicht verunglückten Rahmenhandlungs-Vorspann eben die von Euch erwähnten drastischen Kürzungen. Wilder war so sauer darüber, wie ihm da ins Handwerk gepfuscht wurde, dass die nachträglichen Filmschnitte nicht bloß auf dem sprichwörtlichen cutting room floor landeten, sondern gleich im incinerator…

    (Leider habe ich in den Shownotes nirgends den versprochenen Link zu mehr Hintergrundmaterial zu den beiden verlorenen Kapiteln von Wilders Film finden können – oder habe ich nur nicht an der richtigen Stelle bzw. gründlich genug gesucht?)

    Jetzt sind’s doch wieder mehr Worte geworden als ursprünglich beabsichtigt. — Sorry.
    Nochmals danke für die Podcast-Folge, und viele Grüße!

  2. Hans-Bernhard Barth sagt:

    Lieber Monty,
    lieber Torben,

    danke für die jüngsten Kultfim-Azubis mit einem „Double whammy“ von Filmen aus meiner insgeheimen Favoriten-Liste!
    Über beide Wilder-Filme gibt’s für mich wenig zu diskutieren, aber noch viel zu erzählen. Ich will’s mir aber erstmal verbeißen, hier noch viel Senf dazuzugeben, und mich auf zwei Dinge beschränken:

    1) Der deutschsprachige „Vorgänger“ von „Some Like It Hot“ war 1951 „Fanfaren Der Liebe“ von 1951, Regie: Kurt Hoffmann, mit Dieter Borsche und Georg Thomalla in den Hauptrollen. Hoffmanns und Wilders Film beruhen tatsächlich beide auf demselben, 1935 in Frankreich erstmalig verfilmten Treatment von Robert Thoeren und Michael Logan, was bei Wilder nichts Unübliches ist, denn er hat oft fremde Stoffe als Ausgangspunkt für eine grundhafte Überarbeitung im Team mit seinem jeweils aktuellen Co-Autor verwendet (ein anderes derartiges Beispiel wäre „One, Two Three“, dessen Plot aus einer ungarischen Theaterfarce aus der Zwischenkriegszeit hervorging).

    „Fanfaren der Liebe“ kann mensch gegenwärtig übrigens unter
    https://youtu.be/KQsOjivvePY?is=asY195LT_kXSO794
    auf DuTube! finden, wenn’s interessiert.

    2) Im Gegensatz zu Wilders früheren Erfolgsfilmen im alten Hollywood-Studiosystem, bei denen es ihm als Kassenmagnet stets gelang, auch die Schnittrechte für sich mit herauszuverhandeln, hatte er diese für „The Private Life Of Sherlock Holmes“ nicht erhalten. Ursprünglich als große, überlange Breitwand-Produktion in der Tradition der 50er und 60er Jahre konzipiert und auch abgedreht, bekamen Studio (d.h. Investoren) und Verleih nach dem Rohschnitt kalte Füße und erzwangen verschiedene nachträgliche Eingriffe in die Film- und Erzählstruktur — neben dem leicht verunglückten Rahmenhandlungs-Vorspann eben die von Euch erwähnten drastischen Kürzungen. Wilder war so sauer darüber, wie ihm da ins Handwerk gepfuscht wurde, dass die nachträglichen Filmschnitte nicht bloß auf dem sprichwörtlichen cutting room floor landeten, sondern gleich im incinerator…

    (Leider habe ich in den Shownotes nirgends den versprochenen Link zu mehr Hintergrundmaterial zu den beiden verlorenen Kapiteln von Wilders Film finden können – oder habe ich nur nicht an der richtigen Stelle bzw. gründlich genug gesucht?)

    Jetzt sind’s doch wieder mehr Worte geworden als ursprünglich beabsichtigt. — Sorry.
    Nochmals danke für die heutige Podcast-Folge, und viele Grüße!

  3. Hans-Bernhard Barth sagt:

    Sorry — fünf Daumen an jeder Hand! Bitte schmeißt meinen älteren Kommentar gleich wieder raus.
    Danke!

    (Is‘ das peinlich…)

  4. Hans-Bernhard Barth sagt:

    „Senf nach dem Senf“:

    1) Als Produktionsgesellschaften von „Das Privatleben des Sherlock Holmes“ zeichnen drei Firmen verantwortlich: The Mirisch Corporation, Compton Films und Phalanx Productions.
    Die Gebrüder Mirisch, gegen Ende des alten Hollywood-Studiosystems mit eigenem Geld als unabhängige Produzenten ins Filmgeschäft eingestiegen, hatten bereits früher vertrauensvoll und erfolgreich mit Wilder und Diamond zusammengearbeitet (und nicht nur mit denen!), waren ein verhältnismäßig honoriger Laden und eher nicht dafür bekannt, sich groß in künstlerische Angelegenheiten einzumischen. Ein gutes Händchen für Filmstoffe hatten sie obendrein, und deshalb in den 60er und 70er Jahren einen stetig wachsenden Anteil am „Kuchen“.
    In den 70er Jahren flossen aber zusehends auch Mittel von eigens dafür gegründeten Finanzierungsgesellschaften aus dem freien Kapitalmarkt nach Hollywood — mit entsprechend aggressiver Gewinnerzielungsabsicht. Die beiden anderen Gesellschaften, Compton und Phalanx, die die Großproduktion von Wilders Sherlock-Holmes-Film mit stemmen sollten, waren offenbar von letzterem Schlage — bei den besonders schillernd betitelten „Phalanx Productions“ ist die get-rich-quick-Schwindelfirma ja geradezu mit Händen zu greifen!
    Ich vermute stark, dass die Mirisch-Brüder bei dem Projekt die Rolle der Galionsfiguren erfüllen mussten, deren guter Name „die Künstler“ und „die Szene“ beruhigen sollten, die wahren Schurken in diesem Stück Filmgeschichte aber in den Büros und Rechtsabteilungen der Kofinanziers zu suchen sind…

    2) Der britische Schriftsteller Jonathan Coe, der u.a. einen teilweise biografischen Roman „Mr. Wilder und ich“ über und mit Billy Wilder und dessen letzten Film geschrieben hat (lesenswert!), erzählte für die „Cahiers du Cinéma“ in einem längeren Artikel „Detective Work“ von seiner langjährigen Obsession mit Wilders Sherlock-Holmes-Film und dessen fehlenden Teilen. Den Artikel kann mensch bei Interesse im Netz unter
    https://www.theguardian.com/film/2005/apr/30/jonathancoe.arthurconandoyle
    nachlesen.

    3) Wie ihm anscheinend öfter untergekommen, war Wilders Sherlock-Holmes-Film außerhalb der USA, speziell in Europa, deutlich erfolgreicher als auf dem „heimischen“ Markt.

    Wissend, dass ich mich damit in vermintes Terrain wage, nun aber noch zu etwas völlig anderem:

    4l Wenn man sich die englischsprachige Originalversion von „Manche mögen’s heiß“ anschaut, wird m.E. ziemlich deutlich, wie Marilyn Monroe durchaus begriffen hat, dass Wilder und Diamond Sugar Kowalchik aus Sandusky, Ohio, als Rolle angelegt haben, die eine andere Rolle spielt, um im Leben „vorwärts“ zu kommen — nämlich das stereotype blonde Dummchen. Der Hintergrund ihres richtigen Lebens scheint da bei mehr als einer Gelegenheit durch, nicht zuletzt in der Eispickel-Sequenz mit Tony Curtis während der Spontanparty der Mädchenkapelle.
    Die Sympathien der beiden Autoren liegen hier — wie in anderen ihrer Drehbücher auch — ziemlich eindeutig bei den kleinen Leuten mit den großen Träumen, und Monroe transportiert das auch alles erfolgreich: Ihre darstellerische Leistung durch den ganzen Film hindurch ist ungemein konsistent und m.E. umso bewundernswürdiger, wenn mensch bedenkt, welche Ohrfeigen und Tiefschläge das wahre Leben gleichzeitig an Norma Jeane Mortenson austeilte. (In diesem Licht verlieren die zahlreichen und beliebten Anekdoten über Monroes „Verpeiltheit“ am Set von „Manche mögen’s heiß“ auch das meiste von ihrer Heiterkeit.)

    Howgh, ich habe (schon wieder!) gesprochen…

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