Diese un-entsetzlichen Lücken

»Ich bin eine hoffnungslose Nostalgikerin. Ich schwelge in meiner eigenen Vergangenheit, liebe es, mir alte Fotos anzuschauen, und trauere den sorglosen Schul- und Unizeiten hinterher. Ich möchte jedes Jahr an denselben Urlaubsort fahren, alte Lieblingsbücher wiederlesen und Familientraditionen aufleben lassen. Ich schlafe immer noch mit meinem Teddybären aus Kindertagen und kann mich nicht von persönlichen Erinnerungen trennen. Der Trend aus den sozialen Medien, die Musik und den Style von 2016 zu feiern – und die persönliche Entwicklung seitdem -, war für mich wie gemacht: Ich verlor mich für Stunden in meinem persönlichen Fotoarchiv und erinnerte mich an die guten alten Zeiten, in denen ich Mitte zwanzig war.«
Mit diesem launigen Bekenntnis beginnt Agnes Arnold-Forster ihren Artikel zum Thema “Nostalgie”*, in dem sie u.a. die schräge und hochinteressante Geschichte dieses Begriffs beleuchtet (seinen Ursprung als Diagnose einer Krankheit, die sogar tödlich verlaufen konnte).
An der oben zitierten Eröffnung verblüfft mich, wie wenig sie mit mir übereinstimmt (gar nicht!). Das wiederum sagt mir, wie vollkommen subjektiv wir diesen Begriff verwenden, wie zuverlässig er zu Missverständnissen führt (und warum ich ihn schon länger intuitiv vermeide).
Ich schaue mir sehr ungern alte Bilder an (ist doch alles nicht mehr zu ändern), hatte eine außerordentlich grauenvolle Schulzeit, finde Wegfahren stressig und urlaube am liebsten zuhause, komme kaum zum Wiederlesen meiner Lieblingsbücher, weil so viel noch Ungelesenes wartet (habe sie aber griffbereit, um sie jederzeit stellenweise wiederlesen zu können), und was meine Familie angeht … naja. Die / meine Trends von 2016? War das nicht gerade eben erst? Mit Mitte 20 (länger her als 2016) war ich vergleichsweise unglücklich. Immerhin habe ich mich seither verbessert. Und der sprichwörtliche Teddybär? Den gab es nicht. Ein Grund mehr, meine Nostalgie-Definition für mich zu behalten. Wenn man jemandem sagt: “Da war kein geliebter Teddybär”, dann wird man sicher ziemlich mitleidig gemustert. Schon in Ordnung, meine Lieben.
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* “Frankfurter Allgemeine Quarterly” 2 / 2026

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