Burgtheater-Deutsch: der Sound der Bonner Republik

betr.: Sprechen am Mikrofon

Im frühen deutschsprachigen Tonfilm sowie in den Filmen der Nachkriegszeit wird im Dialog ein schnarrender Ton angeschlagen, der auf unsere Ohren ganz automatisch antiquiert und etwas albern wirkt. In Kostümfilmen lassen wir ihn uns tendenziell eher gefallen, zu jener Lächerlichkeit, die viele von uns Heutigen im Heimatfilm erblicken, trägt er ganz wesentlich  bei.
Diese besondere Art der Intonation entstand nicht zufällig, sie wurde im 19. Jahrhundert eigens entwickelt, um auf der bis heute größten und bedeutendsten Sprechbühne des deutschen Sprachraums, dem Wiener Burgtheater, zu funktionieren, in einer Räumlichkeit also, die die unverstärkte menschliche Stimme sonst kaum zu bespielen in der Lage gewesen wäre. Von dort aus hat sich diese Sprechweise als „amtlich“ durchgesetzt und lange Zeit erhalten.
Ein anschauliches Klangbeispiel für diese Haltung ist die berühmte Aufnahme der vorletzten Jahrhundertwende, auf der der Schauspieler Josef Kainz (damals einer der größten Stars der Schauspielkunst) den Hamlet-Monolog vorträgt. Der hier kultivierte getragene, überdeutlich artikulierende und gerne das R rollende Sound war zum einen wohl der Versuch einer standardisierten Antwort auf die Vielzahl der regionalen Idiome, die die Burgschauspielerinnen und –spieler einst mitbrachten, zum anderen muss man ihn aber eben auch als technisches Mittel begreifen, mit der eigenen Stimme bis hoch auf die weit entfernte Galerie durchzudringen.
Er wurde nicht nur im Theater und auf der Leinwand nachgeahmt und zum Standard erhoben, sondern auch auf der politischen Bühne. Vor allem wegen der fatalen Anklänge, die sich mit Letzterem verbinden, ist Burgtheater-Deutsch mittlerweile selbst in Wien eine Tote Sprache. Im Studiobetrieb ist die peinliche Vermeidung dieses Stilmittels eine der letzten Regeln, auf deren Einhaltung noch Wert gelegt wird – während S-Fehler, verschluckte Endungen und ähnliche Unsitten von den meisten Dialogregisseuren längst nicht mehr bemerkt werden und andererseits faschistoide Inhalte in der Debatte längst wieder salonfähig sind. Selbst mit ironischer Absicht darf man sich ein nostalgisch rollendes R am Ateliermikrofon niemals erlauben, wenn man nicht riskieren möchte, fachlich, geistig und / oder moralisch in Verruf zu geraten.

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