In der heutigen Folge des Podcasts geht es um zwei Helden, die völlig aus der Welt gefallen sind und sich doch erstaunlich planvoll in ihr bewegen, einer davon eine Kunstfigur, der andere der Erfinder seiner selbst.
A) Forrest Gump
Amerikanische Komödie von 1994
Auf einer Parkbank in Savannah unweit einer Bushaltestelle sitzt ein Mann namens Forrest Gump. Er ist angereist, um eine Jungendfreundin zu überraschen und hat als Präsent für sie eine Schachtel Pralinen auf dem Schoß. Den wechselnden Passanten, die im Laufe des Films neben ihm platznehmen werden, erzählt er seine wechselvolle Lebensgeschichte: seine Entwicklung vom gehbehinderten Außenseiter im amerikanischen Süden mit einem IQ von 75 zum Supersprinter, sein Einsatz im Vietnamkrieg, seine Karriere als Pingpong-Meister, seine Arbeit als Shrimps-Fischer, die unerfüllte Liebe zu Jenny, die ihn wegen seiner sexuellen Unreife nicht als festen Partner in Erwägung zog. Der Zufall führt Forrest mit Elvis Presley, John Lennon, der Hippie-Bewegung und mehreren US-Präsidenten zusammen. Unverdrossen bewahrt er sich Zuversicht und Optimismus und hält sich an Lebensweisheiten von der Sorte: Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen – man weiß nie, was man bekommt.
Trotz seines schwermütigen Helden und dessen mühsamen Lebensweges wurde Forrest Gump zu einem der größten Feelgood-Movies der Jahrtausendwende: die Geschichte eines reinen Toren, der sein Land liebt und seinem Herzen folgt. Hauptdarsteller Tom Hanks hatte die sprichwörtliche Rolle seines Lebens gespielt, erhielt den zweiten Hauptrollen-Oscar hintereinander und beschränkte sich für den Rest seiner Karriere hauptsächlich auf positive Helden und leichte Stoffe.
B) Buster Keaton – Wie Hollywood ein Genie zerbrach
Französische TV-Doku von 2016
Buster Keaton zählte neben Charles Chaplin und Harold Lloyd zu den erfolgreichsten Komikern der Stummfilmzeit und hat letzteren in der heutigen Bewertung meilenweit hinter sich gelassen. 1928 ist er auf dem Höhepunkt seiner Karriere – und sieben Jahre später ganz unten: ein arbeitsloser Alkoholiker, den die Ehefrau aus der gemeinsamen Villa und aus der Familie verstoßen hat. Der entscheidende Auslöser dieses Absturzes ist eine einzige tragische Fehlentscheidung. Keaton wird in Hollywood nie wieder zu alter Größe aufsteigen, doch er wird sich berappeln und sogar ein Glück erfahren, das nur wenigen zuteilwird: das Miterleben der eigenen Wiederentdeckung durch die Nachwelt.
Kunstvoll verwebt die Dokumentation Bilder aus Keatons Filmen zu einer biographischen Erzählung und – das ist das Ungeheuerliche – zu einem weiteren Film des großen Poeten der Stummfilmzeit. Handlung: das Schicksal eines Künstlers, der im Räderwerk des alten Studiosystems zerrieben wird.
Nächste Woche: „The Big Lebowski“ und „Der Mann, der zweimal lebte“
Lieber Monty, lieber Torben,
Jubel!! Schon wieder ein Volltreffer unter den „Pyramid Follies“! Und würg: Schon wieder haufenweise verspäteter Senf von mir…😅
Auf den Namen Buster Keaton springe ich nämlich an wie Pawlows sprichwörtlicher Hund auf die Glocke, seit in gefühlt grauer Vorzeit das öffentlich-rechtliche Linearfernsehen zur besten Sonntagnachmittagssendezeit Keatons gerade frisch restaurierten ‚The General“ zeigte, mich damit atemlos vor die Mattscheibe bannte, und anschließend ich kleiner Sextaner mir von meinem zusammengekratzten Taschengeld die Rowohlt-Bildmonografie des Künstlers zulegte — die silbernen Taschenbücher der Heyne Filmbibliothek und die Reihe Film bei Hanser/Goldmann entdeckte ich erst sehr sehr viel später… (Ein paar Schuljahre weiter, als heimliches Zirkulieren von Fragebögen zu allem Möglichem in langweiligen Unterrichtsstunden kurzzeitig in Mode war, antwortete ich einmal auf die Frage „Wenn ihr nicht ihr selber wärt, sondern jemand, den ihr frei wählen könnt — wer wärt ihr dann am liebsten, und warum?“ als zertifizierter Klassennerd und Bahnsinniger zu allgemeinem Unverständnis: „Johnnie Gray in Buster Keatons ‚Der General“ — er kriegt die Lok und er kriegt das Mädchen: Mehr kann man nicht verlangen!“)
Keatons trauriges Schicksal war mir also durchaus nicht unbekannt — sein filmisches Leben schlug nach der Scheidung von Natalie Talmadge ab Mitte der 30er bis Anfang der 40er Jahre zuerst mehrere schlimme Volten abwärts, ehe es nochmal gerade so eben die Kurve kriegte: Auf seine alten Tage bekam Keaton nämlich nochmals z.T. durchaus bedeutsame Nebenrollen in Kino-Großproduktionen wie beispielsweise
– „Boulevard der Dämmerung“ von Billy Wilder,
– „Rampenlicht“ (an der Seite von Charles Chaplin),
– dem überhaupt an Cameo-Auftritten überreichen, mehrfach Oscar-gekrönten zweiten Todd-AO-Breitwandfilm „In 80 Tagen um die Welt“ (mit David Niven und der jungen Shirley MacLaine),
– dem in puncto Cameo-Auftritte ähnlich gearteten, sonst aber völlig durchgeknallten Vehikel „Eine total, total verrückte Welt“ (mit Spencer Tracy) oder
– Richard Lesters Musical-Verfilmung „Toll trieben es die alten Römer“ (an der Seite von Zero Mostel).
Die gelungene Film-Biografie von 2016, an die Ihr in den Kultfilm-Azubis erinnert, kannte ich aber noch nicht. Obgleich überzeugter ARTE-Seher, war mir dieser Dokumentarfilm sowohl im Linearfernsehen bei seinem Erstsendetermin, bei allen seinen Wiederholungen, und auch in der ARTE-Mediathek stets durchgegangen. Vielen Dank deshalb dafür, mein Augenmerk erneut auf dieses brilliante Werk zu lenken, dessen Wiedersehen sich allemal lohnt!
Leider habt Ihr im Podcast nicht gesagt, wo man diese alte ARTE-Doku denn noch finden könnte. Zum Glück (?!) vergisst das weltweite Datennetz aber fast nichts.😁 Sozusagen als Fanservice für alle Mithörende / Mitlesende von Kultfilm-Azubi-Podcast und St. George Herald kommt deshalb hier der Link nach DuTube! zu dem besprochenen Streifen:
https://youtu.be/aiCHDAVsFs8?feature=shared
Irgendein verdienstvoller Mensch hat zudem den filmischen Drehbericht „Buster Keaton Rides Again“ (zu Keatons letzter Film-Hauptrolle „The Railrodder“ von 1964), an dem jener französische Dokumentarfilm gewissermaßen aufgehängt ist, ebenfalls bei DuTube! eingestellt; für alle Neugierigen kommt auch hierzu ein Link:
https://youtu.be/5HOWv7Ce69E?feature=shared
(Nebenbei: Hat eigentlich schonmal jemand dem deutsch-französischen Kulturkanal ARTE ein Loblied für seine z.T. bewusst altmodische Bildungsauftragsarbeit gesungen? Für mich ist ARTE neben den Dritten Programmen aller [!] öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten eine der wenigen guten Sachen, die vom Kabelfernseh-Hype der 80er und 90er Jahre geblieben sind…)
Schließlich hat auch der britische Privatsender ThamesTV 1987 einen ungewöhnlich kenntnis- und detailreichen, mehr als zweieinhalb Stunden langen Dokumentarfilm herausgebracht („Buster Keaton — A Hard Act To Follow“), der neben Originalfilmen von bzw. Archivmaterial über Keaton auch ausführlich auf Interviews mit und Originaltöne von Zeitgemoss/inn/en und/oder Weggefährt/inn/en zurückgreift, und den mensch bei Interesse derzeit gleichfalls auf DuTube! finden kann (sogar in 4K-Auflösung):
https://youtu.be/dQtVJh_yoGk?feature=shared
Und ehe ich hier wieder vom Hundertsten ins Tausendste verfalle, damit genug für heute! Dankeschön für eine weitere tolle Folge „Kultfilm-Azubis“, viele Grüße, und (mal wieder😅) sorry for the long post!
P.S.:
Zu den Umständen von Buster Keatons Tiefpunkt in den 30ern fällt mir immer der alte Billie Holiday-Titel „God Bless The Child“ ein; und zu Keatons Rolle in der Filmgeschichte jener Tanzschlager aus der Zeit der Weimarer Republik mit dem Refrain „Meine Schwester / liebt den Buster [gesprochen: ‚Böster‘], liebt den Keaton / und sie zieht’n / dem Chaplin vor!“ — Mir geht’s ähnlich: Ich fürchte, man merkt’s…😂