Bothered and bewildered

Zum Start des Films „Blue Moon“ am Donnerstag

Richard Linklater ist ein sehr sorgfältiger Autor und Regisseur, der lange an seinen Filmen arbeitet. Das können Mehrteiler wie die „Before“-Trilogie sein, aber auch eine Langezeitstudie wie „Boyhood“ oder der für 2040 angekündigte „Merrily We Roll Along“. Zurzeit sind zwei seiner Filme parallel unterwegs, beide nach realen Begebenheiten aus dem Kulturbetrieb: das Kammerspiel „Blue Moon“ und der programmatisch betitelte Schwarzweißfilm „Nouvelle Vague“ über die gleichnamige Strömung des französischen Kinos nach dem Krieg.
Zum Letzteren schrieb der „Spiegel“ etwas, das auf beide zutrifft: »Alle Protagonisten geben permanent geistreiche Sätze von sich, (…) ein Quell von Sentenzen, literarischen Zitaten, Apercus; und in manchen Passagen wirken die Dialoge wie eine zu dichte Aphorismensammlung. Verstärkt durch die perfekt kuratierten Kulissen erlangt die (…) Ästhetik stellenweise eine beinahe pornografische Intensität. In dieser Opulenz liegt schließlich auch der elementare Unterschied zwischen Original und Rekonstruktion.«

Während „Nouvelle Vague“ klassische Filmszenen wiederherstellt, ist „Blue Moon“ eher ein Backstage-Bericht, der  am Premierenabend des Broadway-Musicals „Oklahoma!“ spielt. Dieses markierte 1943 den Wechsel des Erfolgskomponisten Richard Rodgers von seinem langjährigen Songtexter Lorenz Hart zu Oscar Hammerstein II. Heute wissen wir, dass dies eine endgültige Veränderung sein würde. Und dass das Musical wie auch das Duo Rodgers & Hammerstein Geschichte schreiben sollten.
Der aussortierte Liedtexter sitzt nun am Abend der Premiere in einem Hotelfoyer und ist so niedergeschlagen, als wäre ihm beides schon bewusst. Als spitzfindiger, homosexueller Satiriker lässt er sich seine Endzeitstimmung nur mit starker ironischer Brechung anmerken.

Der erste Teil des Films wird hauptsächlich von Ethan Hawke als Lorenz Hart und von Bobby Canavale als Barmann getragen, deren Dialog aus einem pointierten Theaterstück stammen könnte. Dann treffen nach und nach die anderen Premierenbesucher und -beteiligten ein, schließlich auch Rodgers & Hammerstein. Sie lesen die ersten Kritiken (alle hymnisch) und brechen schließlich zu ihrer Feier auf. Hart wird ankündigen, später dazuzustoßen und natürlich nicht hingehen – wie käme er dazu? Er schwadroniert immerzu von einer Gegenparty, auf der das Golden Gate Quartet singen wird.

Ich bin nicht unvorbelastet: die Details der Trennung von Rodgers & Hart, die abgesehen von Cole Porter die witzigsten, zeitlostesten Musicals der 30er Jahre verfasst haben und damit Dutzende unsterblicher Hits wie „My Funny Valentine“ und „The Lady Is A Tramp“, hat mich schon immer interessiert. Ich habe mich gefragt, wie es wohl gewesen sein mag, als sich der solide Erfolgskomponist Richard Rodgers – bürgerlich und brav, wenn auch kein treuer Ehemann – seines so wesensfremden Texters entledigte: des Partylöwen Lorenz Hart, der zunehmend mit Alkoholproblemen zu kämpfen hatte. Linklater erarbeitete sich das Buch aus dem Briefwechsel Lorenz Harts mit seiner jungen Vertrauten Elizabeth Weiland und benannte es nach dem Popsong „Blue Moon“, einem Erfolg des Teams Rodgers & Hart von 1933, den der Liedtexter selbstredend als unter seiner Würde betrachtete.
Gnädigerweise musste Lorenz Hart die Erfolgsgeschichte von Rodgers & Hammerstein nicht mehr miterleben: er starb Monate später  an den Folgen seines Lebenswandels, wie wir schon zu Beginn des Films erfahren.
Der Charme von Hawke und Cannavale trägt diesen Film über Bitterkeit und die erbarmungslosen Gesetze des Showgeschäfts, der sonst allzuleicht in Häme und Selbstmitleid versacken könnte, gerade angesichts der geschliffenen Bosheiten, mit denen der Held seine Lage kommentiert. Neben diesem Risiko ist es vor allem das Namedropping eines solchen Kostümfilms in Echtzeit, vor dem man sich als Regisseur in Acht nehmen muss. Der Film bekommt das ganz ordentlich hin, jongliert er auch unablässig mit Liedzeilen und Showtiteln, außerdem mit „Casablanca“-Anspielungen – Hart und Barmann Eddie haben diesen aktuellen Hit schon mehrmals gesehen.
Ethan Hawke macht seine Sache sehr gut, obwohl er (soweit man das bei einem so versierten Schauspieler sagen darf) gegen seinen Typ besetzt ist. Als älterer Schwuler mit Haarausfall, der zudem unter seiner geringen Körpergröße leidet, wird er vor allem durch die Bemühungen der Tricktechniker behindert, seine tatsächliche Beinlänge zu überspielen.
„Blue Moon“ ist ein sehenswerter, ein kostbarer Film. Er wird es nicht leicht haben.

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