betr.: So wohnen literarische Figuren
Bei Dorothy L. Sayers (1893-1957) und ihrem Hobby-Ermittler Lord Peter Wimsey geht es vordergründig um – mitunter völlig durchgeknallte – Kriminalfälle und am Rande (vor allem bei Zeitsprüngen und Ortswechseln) um stimmungsvolle Schilderungen von Personal, Ambiente und Atmospähre. „Die Weinprobe“ verwickelt Lord Peter in einen dezenten, kammerspielartigen Konflikt, in dem sein „London Pride“ – man könnte auch sagen: seine Coolness – im höchsten Maße gefordert ist.
Schauplatz der Ereignisse ist die Wohnung des Grafen von Rueil in Frankreich.
Monsouci, der Sitz des Comte du Rueil – jenes exzentrischen, einsiedlerischen Genies – liegt 3 Kilometer außerhalb von Verneuil. Es ist ein tristes, halbverfallenes Schloss, das einsam und verlassen am Ende einer verwahrlosten Kiefernallee sein Dasein fristet, umgeben von der jammervollen Atmosphäre einer Aristokratie ohne Gefolgschaft. Die steinernen Nymphen stehen gebeugt und grün über ihren ausgetrockneten, verwitterten Bassins. Hin und wieder zieht ein Bauer mit einer knarrenden Holzfuhre über schlecht gepflegte Waldschneisen. Den ganzen Tag herrscht Sonnenuntergangsstimmung.
Das Balkenwerk ist trocken und rissig, weil ihm der Anstrich fehlt. Durch die Jalousien sieht man in den steifen Salon mit seinen schönen, ausgebleichten Möbeln. Selbst die letzte der einstmals hier wohnenden uneleganten, unansehnlichen Frauen mit ihren übermäßig ausgeprägten Familienzügen und ihren langen weißen Handschuhen hat Monsouci inzwischen verlassen.
Aber im hinteren Teil des Schlosses raucht unablässig ein Schornstein. Es ist die Heizung des Laboratoriums, des einzig Lebendigen und Modernen hier, inmitten des Alten und Sterbenden. Es ist der einzige Ort, der geliebt und gehegt, verhätschelt und verwöhnt und dem alle Sorgfalt zuteilwird, mit der die Grafen einer leichtlebigeren Zeit ihre Ställe und Zwinger, die Gemäldegalerie und den Ballsaal bedachten, und im kühlen Keller darunter liegen Reihen über Reihen staubiger Flaschen, eine wie die andere ein gläserner Zaubersarg, in dem das Dornröschen der Weinberge im Schlaf zu immer betörenderer Schönheit heranreift.