betr.: Lesen vom Blatt / Sprechen am Mikrofon
Nachdem ich mit einer Schülerin den Krimi “Mord im Spiegel” ausgelesen habe – einen der letzten “Miss Marple”-Romane und ein bemerkenswert lebenskluges Buch, zudem reich an exemplarischen Übungen für das Lesen vom Blatt -, wenden wir uns nun einer der längeren Erzählungen John Cheevers zu, für mich (subjektiv) vor allem ein Meister der Kurzgeschichte.
Nach der (allem Mord zum Trotz) sehr aufgeräumten und feinsinnigen Welt der Agatha Christie begeben wir uns damit in eine Männerdomäne, den Knast mit seinen Hierarchien und einer Sexualität, die dort – noch offensichtlicher noch als in Freiheit – Machtstrukturen abbildet. Diese Schilderungen schulen nebenbei den Umgang mit expliziten Darstellungen am Mikrofon.
Mich lädt diese Auswahl dazu ein, die beiden Übersetzungen zu vergleichen. Schon im Prolog springen ein paar Details ins Auge.
Der kurze Ausschnitt endet unmittelbar vor dem Auftritt des Helden.
Heutiges Beispiel: aus “Falconer” von John Cheever
Variante 1:
Das Hauptportal zu “Falconer” – der einzige Eingang für die Sträflinge, die Besucher und das Personal – wurde von einem Wappenschild gekrönt, auf dem Allegorien der Freiheit und der Gerechtigkeit die souveräne Regierungsgewalt flankierten. Die Freiheit trug eine Art Morgenhaube und eine Pike. Die Regierungsgewalt hatte die Gestalt des Bundesadlers, dessen eine Kralle einen Olivenzweig und dessen andere ein Bündel Jagdpfeile umklammerte. Die Gerechtigkeit gab sich konventionell: Über den Augen trug sie eine Binde, das enganliegende Gewand verlieh ihr einen vagen Anflug von Erotik, und bewaffnet war sie mit einem Henkerschwert. Das Basrelief bestand aus Bronze, doch war es inzwischen Schwarz geworden – Schwarz wie matter Anthrazit oder Onyx. Wie viele Hunderte mochten darunter schon hindurchgeschritten sein? Für die meisten war es wohl das letzte Emblem gewesen, mit dem die Menschheit den Versuch machte, das Mysterium des Gefangenseins symbolisch auszudrücken. Hunderte schätzte man zunächst, doch Tausende, ja Millionen dürften der Wahrheit wohl näher kommen. Über dem Wappenschild wurden die verschiedenen Namen der Anstalt fein säuberlich aufgezählt: “Falconer-Kerker 1871”, “Falconer-Korrektionsanstalt”, “Bundeszuchthaus Falconer”, “Staatsgefängnis Falconer”, “Falconer-Besserungsanstalt” und dann der letzte, der nie eine Chance hatte, sich durchzusetzen: “Staatsvollzugsanstalt”. Knastbrüder nannte man jetzt Insassen, Arschlöcher Vollzugsbeamte und das Oberarschloch Superintendent. Ruhm ist Glücksache – weiß der Himmel -, aber “Falconer, das für zweitausend Missetäter kaum über die notwendigen Einrichtungen verfügte, war so berühmt wie “Newgate”. Wohl waren die Wasserfolter, die gestreiften Anzüge, das Zusammenschließen, die Ketten und die Kugeln verschwunden, und wo einst der Galgen stand, gab es jetzt ein Softball-Feld. Doch zu jener Zeit, über die ich schreibe, waren in Auburn noch immer feste Fußeisen in Gebrauch. Man konnte die aus Auburn sofort am Lärm erkennen, den sie bei ihrer Ankunft machten.
“Falconer”, Droemer Knaur 1978
Variante 2:
Das Hauptportal von Falconer – der einzige Eingang für Häftlinge, Besucher und Personal – war von einem Wappen gekrönt, auf dem Allegorien der Freiheit und der Gerechtigkeit die Staatsgewalt einrahmten. Die Freiheit trug eine Spitzenhaube und war mit einem Spieß bewaffnet. Die Staatsgewalt wurde vom Bundesadler symbolisiert und hielt einen Olivenzweig und ein Bündel Jagdpfeile in den Krallen. Die Justitia bot das konventionelle Bild: die Augen verbunden, ihr eng anliegendes Gewand verlieh ihr einen Hauch von Erotik, und in der Hand hielt sie ein Richtschwert. Das Basrelief bestand aus Bronze, doch inzwischen war es ganz Schwarz – wie matter Anthrazit oder Onyx. Wie viele Menschen waren wohl darunter hindurchgeschritten? Für die meisten war es wohl das letzte Emblem gewesen, das vom Versuch des Menschen zeugte, das Mysterium der Gefangenschaft symbolisch zum Ausdruck zu bringen. Hunderte vermutlich, nein Tausende, wahrscheinlich sogar Millionen. Über dem Wappen waren die verschiedenen Namen der Anstalt aufgeführt: Falconer Kerker 1871, Falconer Besserungsanstalt, Falconer Bundeszuchthaus, Falconer Staatsgefängnis, Falconer Justizvollzugsanstalt und schließlich der letzte, der sich nie durchgesetzt hatte: Haus Morgenröte. “Knackis” hießen jetzt Häftlinge, “Wachteln” Vollzugsbeamte und der ”Häuptling” Direktor. Ruhm ist launisch, weiß der Himmel, aber Falconer, das kaum genug Platz für zweitausend Straftäter bot, war so berühmt wie Newgate. Zwar waren die Wasserfolter, die gestreiften Sträflingsanzüge, das Marschieren im Gleichschritt, die Ketten und Kugeln abgeschafft worden, und wo einst der Galgen gestanden hatte, befand sich inzwischen ein Softballfeld, doch zu jener Zeit, über die ich schreibe, waren in Auburn noch immer Fußeisen in Gebrauch. Die Männer aus Auburn waren an dem Lärm zu erkennen, den sie bei ihrer Ankunft machten.
“Willkommen in Falconer”, Dumont 2012