Aus grauer Städte Mauern ziehn wir durch Wald und Feld … nein, wir machen es im heutigen Podcast umgekehrt und begleiten zwei Sonderlinge – einen alten und einen jungen – aus der Natur in die Menschensiedlung. Beide werden mit ihrem Kulturschock nicht alleingelassen:
https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/willkommen-mr-chance-der-wolfsjunge
A) Willkommen, Mr. Chance / Being There
Amerikanische Mediensatire von 1979
Der Analphabet Chance hat sein Leben komplett im Gewächshaus verbracht und kennt die Welt nur aus dem Fernsehen. Als sein Dienstherr stirbt, steht der lebensuntüchtige Gärtner plötzlich auf der Straße und droht, in kürzester Zeit im Großstadt-Dschungel unter die Räder zu kommen. Das geschieht tatsächlich, doch es sind die Räder einer Millionärsgattin, die ihn mit nach Hause nimmt, um ihn wieder gesund zu pflegen. Ein erstaunlicher Aufstieg beginnt, an dessen Ende Mr. Chance sogar übers Wasser gehen wird …
Unter den Fans des britischen Charakterkomikers Peter Sellers hält sich hartnäckig das Gerücht, dies sei sein letzter Film gewesen, krönender und würdiger Abschluss eines früh abreißenden genialen Lebenswerkes. Dass in Wahrheit die biedere Trash-Klamotte „Das boshafte Spiel des Dr. Fu Man Chu“ noch folgte, wird der Ambivalenz des Sellers’schen Schaffens, in der der Kalauer allweil seinen festen Platz hatte, ebenso gerecht. Die leise, fast zärtliche Bosheit von Hal Ashbys Parabel auf den Wunsch der westlichen Zivilisation, sich für dumm verkaufen zu lassen, nimmt sich in unseren Tagen wie ein utopisches Märchen aus.
B) Der Wolfsjunge / L’enfant sauvage
Französisches Drama von 1970
Eine südfranzösische Bäuerin sieht sich 1798 beim Pilzesuchen plötzlich einem nackten, langhaarigen Jungen gegenüber, der bei ihrem Anblick panisch auf allen Vieren flieht. Als Dr. Itard in der Zeitung von dem viehischen Findling erfährt, erwacht sein wissenschaftliches Interesse. Mit Fürsorge und Geduld glaubt er, den Knaben zivilisieren zu können. Der erhält den Namen Victor – und wehrt sich gegen die Optimierungsversuche …
All seiner unbestreitbaren Beiträge zum Klassiker-Kanon zum Trotz, kann man Francois Truffaut auf einem anderen Gebiet für noch verdienstvoller halten: dem Filmjournalismus und seiner Arbeit als Filmhistoriker. Dieses Nebenwerk des früh verstorbenen Regisseurs und Nouvelle-Vague-Mitbegründers ist auch deshalb bemerkenswert, weil es sich innerhalb und außerhalb seines Schaffens kaum einsortieren lässt. Es zeigt Truffaut auch in einer der Hauptrollen – eine späte Entscheidung des Regisseurs, nachdem er die Mitarbeit am Drehbuch schon beendet hatte.
Nächste Woche: Ein Mann wie Sprengstoff und Michael Clayton