Die eigene Nase

Gestern abend hat Ralf König zum Ausklang des Hamburger CSD-Wochenendes eine seiner Dia-Lesungen im „Nachtasyl“ über dem Thalia-Theater präsentiert: eine kommentierte Revue aus kurzen Comics. Zuvor hatte auf der selben Bühne ein Gespräch mit dem aus New York zurückgekehrten Aktivisten Hans Berlin stattgefunden, der seinen Ruhestand als Pornodarsteller in der Heimat mit Aufklärungsarbeit zum Thema HIV bestreiten wird. (Der beredte Charme, den er dabei entfaltete, dürfte das Unternehmen zu einem großen Erfolg machen!)
Dazu passte, das Ralf uns eine Sittengeschichte des Sexlebens und -verhaltens in der Bundesrepublik aufklappte, einen Leporello, den er mit seit den frühen 80er Jahren geschaffenen Comics satirisch begleitet hat. Es war eine überwältigende Chronik! Und eine saukomische. Dass er die zugrundeliegenden Beobachtungen bekanntlich stets aus der schwulen Perspektive gemacht hat, hinderte ihn nicht daran, die heterosexuelle Normalversion mitzubetrachten und zu –kommentieren. Seit 1987, als er in „Der bewegte Mann“ die Heteros sogar als die eigentlichen Exoten zum Thema machte (was der Film von 1994 zu seinem Leidwesen wieder zurücknahm), ist er ohnehin ein Künstler mit Breitenwirkung über das eigene Milieu hinaus, dessen Gleichnisse von nicht-homosexuellen Frauen ganz besonders geschätzt werden. Die Pointen saßen, und schon die Subkultur-Szenen aus den Bänden der Reihe „Schwulcomics“ (die ersten, die in Buchform veröffentlicht wurden) waren nicht zimperlich, was männliche Neurosen angeht. Die Empfindlichkeiten, Kommunikationsprobleme und Beziehungskapriolen schwuler Männer mussten schon deshalb nicht beschönigt werden, weil sich die anderen (Normalos und homosexuelle Frauen) im Zweifelsfalle noch alberner aufführen.
Als Ralfs Mutter kürzlich hochbetagt verschied, tauchte noch ein vergessener Karton mit besonders frühen Arbeiten auf, die enthüllten, dass der Künstler in Kindertagen sogar eine religiöse Phase hatte.
Was die gestrige Collage vollends zu einem Bildungsprogramm machte, war die historische Einordnung, die dem Publikum dabei half, die Comics akkurat in die eigene Biographie einzuweben: in die AIDS-Krise, die Antischwule Hetze der GauweilerCSU, das segensreiche Wirken der konservativen Gesundheitsministerin Rita Süssmuth, die Quoten-Homos im frühen Privatfernsehen, die Homo-Ehe u.v.a.m.
Selbstverständlich gab es einen Büchertisch (er wurde weitgehend leergekauft), aber eins hat leider gefehlt: der gestrige Abend in Buchform. Er hätte das Zeug zum Klassiker.

Dieser Beitrag wurde unter Comic, Gesellschaft, Literatur, Ralf König abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen für den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert