betr.: Eine Wiederlektüre
Was hätte wohl der 2010 verstorbene französische Starregisseur Claude Chabrol aus diesem Stoff gemacht? Chabrols liebstes (einziges?) Thema – die Verkommenheit der Bourgeoisie – wird in „Dann schlaf auch du“ mustergültig und bis zum bitteren Ende ausdekliniert. Einerseits kommt die französisch-marokkanische Autorin Leila Slimani ohne die Chabrol’schen Überzeichnungen und Horror-Effekte aus (bei ihm wären nicht nur die Kinder, sondern die ganze Familie draufgegangen). Andererseits hat die Umsetzung von Lucie Borleteau aus dem Jahr 2019 enttäuscht. Gegen das Kopfkino, das Slimanis nüchterne Prosa auslöst, wirkt ihr Film wie eine Pflichtübung.
Zehn Jahre nach der Auszeichnung des Romans mit dem Prix Goncourt – das Buch war in Frankreich wie auch bei uns ein sofortiger Bestseller – machte ich den frühestmöglichen Test of Time. Er fiel großartig aus. Das ist heute wie damals nicht allein damit zu erklären, dass hier relevante Themen wie die schwierige Vereinbarkeit von Kindern und beruflicher Selbstverwirklichung (beider Eltern) oder die Unüberwindlichkeit sozialer Unterschiede verhandelt werden. Es liegt daran, auf welche Weise das geschieht.
„Dann schlaf auch Du“ ist ein Drama ohne eigentlichen Bösewicht. Man staunt, wie präzise alle mit ihren Egoismen und verdrängten Neurosen ineinandergreifen, um das schlimmstmögliche Ergebnis anzurichten.
Der Roman beginnt mit dem grauenvollen Resultat: eine Nanny hat die ihr anvertrauten Kinder umgebracht. Der anschließende Versuch der Frau, sich selbst zu töten, ist fehlgeschlagen. Dann wird die Vorgeschichte der Tat erzählt.
Nach der Geburt des zweiten Kindes fällt der Juristin Myriam zu Hause die Decke auf den Kopf. Als sie ihren ehemaligen Kommilitonen Pascal wiedertrifft, beschließen sie und ihr Mann, der Musikproduzent Paul, ein Kindermädchen, eine Nounou zu engagieren, damit sie wieder als Anwältin arbeiten kann. Sie wollen keine Maghrebinerin und keine Frau, die ohne Papiere in Frankreich lebt. Als Louise vor der Tür steht, ist es Liebe auf den ersten Blick, vor allem bei den Kindern Mila und Adam. Louise ist Französin, Witwe und Mutter einer 20jährigen Tochter, Stéphanie. Auch durch die Empfehlung ihrer ehemaligen Arbeitgeber ist gut, und man wird sich rasch einig.
Schnell wird das Verhältnis zwischen der Familie Massé und ihrer Nounou sehr eng. Myriam und Paul sind wenig zu Hause, feiern berufliche Erfolge und legen das Häusliche und die Kinder mehr und mehr in die Hände von Louise, die sogar gelegentlich bei ihnen schläft. Sie verwandelt die Wohnung in ein mustergültiges bürgerliches Zuhause. Myriam lässt das alles geschehen – zumal die Massés von ihren Freunden beneidet werden: Louise putzt, kocht, näht, richtet den Kindergeburtstag aus, spielt Verstecken, kocht für Freunde.
Sie beherrscht die Kunst, zugleich unsichtbar und unverzichtbar zu sein. Auch die Eltern – vor allem Myriam – lassen sich von ihr bemuttern und überlassen ihr das Feld widerstandslos, ohne sich oder ihr Fragen zu stellen. Louise kommt immer früher, geht immer später, hat alle Fäden in der Hand. Die Massés nehmen sie sogar mit in den Urlaub nach Griechenland, wo sich herausstellt, dass Louise nicht schwimmen kann. Paul bringt es ihr bei.
Nach der Rückkehr stürzt Louise in ein tiefes Loch. Sie kann ohne die Massés nicht mehr leben. Sie kehrt in ihre hässliche Einzimmerwohnung mit verschimmelter Dusche am Pariser Stadtrand zurück, wo sie seit dem Tod ihres Mannes Jacques lebt. Jacques war ein brutaler, frustrierter Querulant, der an Diabetes litt und Louise einen Berg Schulden hinterließ. Einmal sucht sie sogar der Eigentümer ihrer Wohnung zu Hause auf, um die ausstehende Miete in Naturalien einzutreiben. Von alledem wissen ihre Arbeitgeber nichts – weil es sie nicht interessiert und weil es Louise peinlich wäre.
Doch es mehren sich merkwürdige Zeichen. Myriam hat Bissspuren am Arm ihres kleinen Sohnes entdeckt. Und der Leser weiß, dass seine Schwester Mila auch schon einmal Louise gebissen hat.
Familie Massé fährt in die Berge ins Haus der Großeltern. Für Myriam ist das nicht leicht, denn ihre Schwiegermutter setzt sie wegen ihres Lebensstils als berufstätige Mutter unter Druck mit dem Vorwurf, ihre Kinder aus Nachlässigkeit und Feigheit zu vernachlässigen. Louise ist derweil ohne ihre Pflichten völlig haltlos und bleibt allein in der leeren Wohnung. Nach deren Heimkehr konfrontieren sie Louise mit einem Schreiben vom Finanzamt, in dem sie aufgefordert werden, von Louises Lohn die Schulden abzuführen, für die sie seit langem gemahnt wird: unbezahlte Arztrechnungen ihres Mannes, Kreditrückstände, Schulden, die sie von Jacques geerbt hat. Noch immer interessieren sich die Massés nicht für die Einzelheiten der Lebensumstände ihres Kindermädchens, ihre Einsamkeit und Verzweiflung, ihren Unwillen, nach Hause zu gehen, wo all die ungeöffneten Mahnbriefe liegen, ihre Angst, sich als Obdachlose auf der Straße wiederzufinden.
Eines späten Abends – Louise ist grußlos gegangen – findet die Heimgekehrte Myriam auf dem Küchentisch ein blankes Hühnergerippe, an dem nicht mehr das geringste bisschen Fleisch haftet, glänzend vor Sauberkeit. Dieser pathetische Hinweis auf die Verschwendung im Haushalt ihrer Arbeitgeber irritiert sie. Paul verharmlost den Vorfall, doch Myriam beginnt sich zu fragen, ob Louise ihr gegenüber etwa einen bösartigen Hass nährt.
Die Atmosphäre ist zunehmend vergiftet, man geht sich möglichst aus dem Weg. Myriam, die als Anwältin Kriminelle vor Gericht verteidigt, bringt es nicht fertig, sich auszusprechen. Louise ahnt, dass die Massés erwägen, sich von ihr zu trennen. Da kommt ihr ein Gedanke, der zur fixen Idee wird: das Paar muss ein drittes Kind bekommen, denn das wird sie, Louise, auf längere Zeit unentbehrlich machen. Sie setzt alles daran, ihnen Freiräume zu verschaffen, um ein weiteres Kind zu zeugen. Sie gibt ihr letztes Geld aus, um die Kinder zum Essen auszuführen, damit das Paar einen kinderfreien Abend hat. Doch der Plan schlägt fehl. Die Tragödie nimmt ihren Lauf …