Medienlexikon – Film und Fernsehen: New Hollywood

New Hollywood = Sammelbegriff für US-amerikanische Filme, die von 1967 bis Ende der 70er Jahre das traditionelle Hollywood-Kino vorübergehend modernisierten. Diese Ära gilt als eine der künstlerisch bedeutendsten Phasen des amerikanischen Films und ist eine typische Übergangsphase: geprägt von einer Stimmung des Aufbruchs, in der alles möglich scheint, und von sehr kurzer Dauer.

Nur, was lange lebt, kann so häufig totgesagt werden wie das Kino. Als die 60er Jahre zuendegingen, war es wieder einmal so weit. Durch das zwanzig Jahre zuvor eingeführte Fernsehen hatte das Kino drastisch an Bedeutung verloren. Seit den 40er Jahren waren die Besucherzahlen von 4 Milliarden auf ein Viertel abgeschmolzen. Die alten großen Gesellschaften des Studiosystems, denen sowohl die Stars als auch die Filmtheater gehörten, mussten sich den widrigen Verhältnissen anpassen. Um Kosten zu senken, gingen sie dazu über, Personal zu entlassen (was zu Streiks führte), eigene Ateliers zu schließen und einzelne Projekte an kleinere Produktionsfirmen auszulagern, auch nach Europa. Außerdem konnten sich kulturferne Konzerne in die Filmstudios einkaufen und sich fortan inhaltlich einmischen: Coca Cola, die Bank Of America oder der Ölmulti Gulf+Western. Das Familienunternehmen Walt Disney Productions schaffte es, unabhängig zu bleiben, was aus heutiger Sicht nicht ohne Ironie ist.

Als das Studiosystem zuendeging, installierten sich Unterzeilen in den traditionsreichen Logos.

Parallel dazu vollzog sich ein Generationswechsel. Regisseure, die mit ihrem unaufgeregten Fleiß die Produktivität des Studiosystems gesichert hatten und heute als Meister verehrt werden – John Ford, Raoul Walsh, Michael Curtiz u.a. – traten ab, junge Regisseure, die oft auch als Produzenten fungierten, traten in Erscheinung.

Zwei Filme, die nachträglich als früheste Beiträge zum New Hollywood betrachtet werden, entstanden noch im klassischen Studiosystem und waren sehr erfolgreich. Sie zeigten bereits die wichtigsten Merkmale der sich anbahnenden Strömung: eine gesellschaftskritische Grundhaltung, fragwürdige Protagonisten und das Fehlen eines klassischen Happy End. In „Die Reifeprüfung“ (1967, Regie: Mike Nichols) erringt der Held einen schalen Etappensieg, der ihm noch einigen Ärger einbringen wird, in „Bonnie und Clyde“ (1968, Regie: Arthur Penn) sterben die Helden, die zugleich die Schurken sind. Es folgten „Easy Rider“ (1969), den der Schauspieler Dennis Hopper auf der Basis der Vorleistungen des B-Filmproduzenten Roger Corman realisierte, und die Arbeiten der heute legendären Nachwuchsregisseure, die zunächst gut miteinander vernetzt waren: Francis Ford Coppola, George Lucas, Steven Spielberg, Martin Scorsese, Peter Bogdanovich* u.a.. Der Erfolg konnte den Grundstein für eine lebenslange Karriere legen. Andererseits genügte ein Flop, um ein One-Hit-Wonder zurückzulassen. Dieses Schicksal traf etwa Hal Ashby, Henry Jaglom und Douglas Trumbull.
Das in jenen Tagen entstandene Repertoire, das sich über sämtliche Genres erstreckte, gilt heute als Inbegriff des modernen unkonventionellen US-Kinos der 70er Jahre.

Die (im Sinne der Resonanz) größten Filmschaffenden aus dieser Zeit des Umbruchs waren in ihrer Spätphase die Könige des Kommerzes, des Kompromisses und der Konvention. Sie haben mehr zur Vereinheitlichung des filmischen Erzählens beigetragen als irgendein Studioboss der Gründerjahre: Steven Spielberg und George Lucas (was ihr Publikum niemals davon abhielt, sie als Erneuer zu feiern). Die absichtliche Missachtung einer alten Sehgewohnheit, inhaltliche oder filmästhetische Experimente waren in Hollywood noch nie so unwahrscheinlich und unfinanzierbar wie in den frühen 2000er Jahren.

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* Siehe dazu https://blog.montyarnold.com/2022/01/06/19698/

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