Notes On A Podcast: Zeitreisevarianten

Die klassische Zeitreise ist häufig auf die Leinwand gebracht worden, und es gibt gar nicht mal so wenige gelungene Beispiele.
Viel seltener geht es im Kino um die weitaus unerfreulichere Art, aus der linearen Zeitachse auszuscheren: die Allegorie. Beide Varianten werden demnächst im Kultfilm-Podcast anhand der Beispiele „Die Zeitmaschine“ (der klassischen MGM-Verfilmung von 1959) und „Der Schwimmer“ (1968) in Augenschein genommen. Da der Held im erstgenannten Film – im Gegensatz zu den Kollegen von „Zurück in die Zukunft“ (1985 f) – zuallererst in die Zukunft reist, hat er keinen Ärger mit dem Großvater-Prinzip, das jeder kennt, der mit phantastischen Geschichten umgeht. Über dieses logische Dilemma gibt es inzwischen wiederum eigene Bücher und Filme.
Auch Issac Asimov denkt in seiner Erzählung  „Fairer Tausch“ („Fair Exchange“, 1978)* darüber nach. Sein Ausweg: wir reisen nur in Gedanken in die Vergangenheit und nisten uns im Kopf einer Person ein, die damals tatsächlich gelebt hat. Dazu ersinnt der Autor die dritte nichtlineare Zeit-Variante, in der es – hoffentlich! – nicht zu Veränderungen des Zeitverlaufs kommen kann.

Zeitmaschine!
John Sylva passte es nicht, wenn ich es so nannte. Temporale Verlagerung war seine Bezeichnung dafür.
Ich konnte hören, wie er es aussprach, und ich genoß es. (…) „Nicht eine Zeitmaschine“, hörte ich Johns Stimme in meinem Verstand. „Das wäre ein Automobil, mit dem du in den Korridoren der Zeit auf- und abfährst, und das ist theoretisch unmöglich. Was wir hier haben, ist eine temporale Verlagerung. Der Verstand kann seinen Einfluß über die Zeit hinaus geltend machen. Oder vielmehr können das die subatomaren Partikel. Und wenn sie so komplex organisiert sind wie in den fortgeschrittenen Gehirnen, wird ihr Einfluß in einem Grade verstärkt, wo wir ihn nachweisen und, wie ich hoffe, verwenden können. Wenn sich zwei Geister sehr ähnlich sind, können sie bis zu einem Punkt resonieren, wo das Bewußtsein sich über die trennende Kluft der Zeit hinwegzusetzen vermag: Temporale Verlagerung.“
„Und du bekommst das tatsächlich in den Griff?“
„Ich glaube schon. Ich gehe so weit, zu behaupten, daß jeder Verstand mit vielen anderen in Resonanz ist, und Gott weiß, hinter wie vielen Begriffen sich dieses Phänomen versteckt – hinter Träumen, dem Gefühl des déjà vu, einer plötzlichen Inspiration undsoweiter. Aber um eine tatsächliche Verlagerung vorzunehmen, braucht man eine übergreifende Resonanz zwischen zwei besonderen Geistern und die Mittel, sie entsprechend zu stärken.“
Ich war einer von Hunderten, die er testete. Es hatte keinen Sinn, Versuchstiere dazu zu verwenden. Nur das menschliche Gehirn baute ein Feld auf, das stark genug war für einen Nachweis durch Meßinstrumente – vielleicht kamen noch Delphine in Frage; aber wie sollte man es anstellen, mit ihnen zu arbeiten?
(…) „ … Selbst wenn ich tot umfiele oder der Strom ausfällt, wird die Resonanz schließlich abreißen, und du bist wieder in der Gegenwart. Es ist narrensicher, weil du ja mit deinem Körper hierbleibst. Verstehst du?“
„Ich verstehe. (…) Werde ich in der Lage sein, etwas zu tun?“
„Ich glaube nicht. Du wirst nur beobachten können.“
„Kann ich die Geschichte beeinflussen?“
„Das würde zu Paradoxien führen, und gerade die sind es doch, an denen der landläufige Begriff von der Zeitreise scheitert. Du kannst beobachten, diese Beobachtungen in die Gegenwart zurückbringen und von diesem Punkt an die Geschichte verändern – was logischerweise nicht zu Paradoxien führt.“
„Besser als nichts“, murmelte ich.
(…) Ich tröstete mich mit der Hoffnung, daß John sich täuschte oder sogar log. Wenn es auch nur den Hauch der Möglichkeit gab, die Geschichte zu verändern, wäre die technologische Überwachungsbehörde eingeschritten und hätte ihm verboten, die Experimente fortzusetzen. Also mußte John von vornerherein so eine Möglichkeit bestreiten, oder man strich ihm die Förderungsmittel für seine Forschungen.
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* Erschienen 1983 bei Bastei Lübbe im Band „Wenn der Wind sich dreht“

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