Wohnwelten (22): Die Erwartung des Zusammenbruchs und die Allgegenwart des Schmutzes

betr.: So wohnen literarische Figuren

Nagib Machfuz, geboren 1911 in Kairo gilt als der Vater des ägyptischen Romans. 1939, noch in halbkolonialer Zeit, veröffentlichte er den ersten von drei historischen Pharaonen-Romanen, Mitte der 1940er-Jahre wurde er mit seiner realistischen Kairoer Trilogie weltberühmt. Machfus schrieb mehr als 40 Romane, Kurzgeschichten, Novellen und Drehbücher. 1988 erhielt er als erster arabischsprachiger Autor den Literaturnobelpreis. 1994 überlebte er schwerverletzt ein islamistisches Messerattentat. Nagib Machfus starb 2006 in Kairo. In seiner Kurzgeschichte „Der Graben“ aus dem Erzählband „Die Geheimorganisation“ (1984) lässt er den Ich-Erzähler Behausung und unmittelbare Umgebung schildern:

Ich bewohne (…) in einer verwahrlosten, in Unrat versinkenden Gasse eine alte, heruntergekommene Wohnung.  Darin ist von der Decke die Farbe abgeblättert und gibt mancherorts farblose Adern frei. An den Wänden sind Risse entstanden, die sich teils kreuzen, teils parallel laufen. Der Fußboden schließlich ist an vielen Stellen aufgebrochen, und die entstandenen Erhöhungen und Vertiefungen führen durch die abgewetzten Teppiche hindurch einen Kampf mit den Füßen. Decke und Wände strahlen im Sommer brennende Hitze aus und sondern im Winter Feuchtigkeit ab, teils gar Sprühregen gleich. Die Treppe ist im Zustand fortschreitenden Verfalls begriffen; eine Stufe hat sich schon völlig aufgelöst, und die Hälfte davon ist abgebrochen, wodurch jeder Fehltritt beim Hinauf- oder Hinabsteigen im Dunkel der Nacht zu einer nicht zu unterschätzenden Gefahr geworden ist. Zu alledem kommt noch jener lange Riss, der sich an der Hauswand hinzieht, auf der Seite, wo die Toiletten liegen. An dieser Seite sind auch Mörtel und Gips abgebröckelt, und der nackte Stein schaut heraus.
Ein Trottoir hat die Husni-Gasse überhaupt nicht mehr. Und niemand erinnert sich, dass sie einmal sogar zwei gehabt hatte. Niemand außer mir, der ich eben in diesem Haus geboren wurde. Im Gegensatz zur Familie des Ibrahim Effendi, die im mittleren Stock, und derjenigen von Scheich Muharam, die im Erdgeschoss wohnt. Beide sind vor längstens zwanzig Jahren in dieses Haus gezogen.
In meiner Jugend war das Haus in „mittleren Jahren“ und in keinem üblen Zustand. Auch die Gasse hatte eine Oberfläche, ein Steinpflaster, und besaß wie gesagt zwei Trottoirs. Sie war nicht weniger ansehnlich als die Schodfar-Gasse, in die sie weiter unten mündet. Die beiden Trottoirs sind unter dem Schmutz und dem Unrat verschwunden, die sich Tag für Tag dort anhäufen und sich allmählich von beiden Seiten zur Mitte der engen Straße vorschieben. In Kürze wird der für die Bewohner noch verbleibende Weg nur noch einem Graben gleichen.

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