Abendverstimmung

Zum Tode von Hans Peter Reutter

Das große Kollegensterben geht weiter. Nach Gerd Thumser, Bob Ziegenbalg und Dada Stievermann habe ich nun vom Tod eines besonders wichtigen Weggefährten erfahren: Hans Peter Reutter.
In den 90er Jahren standen mir mit Sören Sieg, Rainer Bielfeldt, Florian Noack und ihm unglaubliche vier Pianisten parallel zur Verfügung, mit denen ich tingeln und die ich ihren jeweiligen besonderen Qualitäten gemäß einsetzen konnte. Hans Peter spielte bei mir die Rolle des schrägen „Dr. Bertie“ weiter, die er als Teil des Musikkabarett-Duos „Emmi und Bertie“ gestaltete. Er tat das auch bei unserem lui-même-Gastauftritt im Film „Der bewegte Mann“.
Als das Duo zerbrach, spielte wiederum Emmi alias Christoph Dompke ihre Rolle weiter und tut das bis heute mit „Emmi und Willnowsky“, während Hans Peter Reutter mit Thorsten Saleina ein neues Duo bildete und 2003 als Musikdozent an die Robert Schumann Hochschule nach Düsseldorf ging, wo er im Oktober 2005 zum Professor für Musiktheorie berufen wurde.

Dr. Bertie hatte von all meinen Begleitern die größte komödiantische Bühnenpräsenz. Dazu musste er sich nicht einmal (über sein Bühnenoutfit hinaus) verkleiden. Einmal freute sich ein Kritiker „über seine überraschende Einlage als Krümelmonster“, die rein gesanglich geschah. Hans Peter, der Ligety-Schüler und Komponist Neuer Musik, war als Pianist nicht so virtuos wie Sören, so charmant wie Rainer oder so charismatisch wie Florian, verfügte aber über ein enzyklopädisches Wissen über und Verständnis für die klassische Musik, ohne deswegen den Pop zu verschmähen. Er schrieb famose Liedübersetzungen – seriöse und humoristische – und legte mit „Schönheitsflecken“ auch ein Soloprogramm vor. Seit wir im Sommer 1993 gemeinsam mit dem Duo „Herrchens Frauchen“ und anderen Kollegen in der Hamburger Kampnagelfabrik „Mauschelei auf der Bounty“ gespielt hatten, ein ganz klassisches Ensemblekabarett, war er von dem Wunsch beseelt, sich dem Kabarett alter Schule anzunähern – was offensichtlich von der Verehrung für Lisa Politt und Gunter Schmidt herrührte. Am witzigsten war er aber, wenn er sich der musikalischen Parodie widmete und sich über Kulturelles lustig machte. Zuletzt haben wir uns vor wenigen Jahren getroffen, als er mir bei meinem Stummfilm-Live-Programm „Väter der Klamotte“ beisprang, die letzte meiner Shows, die ich noch sporadisch auf Zuruf aufführe und die dann wieder in der Probe aufgefrischt werden muss.
Seine Krebserkrankung schien Hanns Peter überwunden zu haben, und das Jammern war seine Sache nicht. Deswegen war sein Tod eine Überraschung für mich. Und natürlich weil ich so etwas nicht gern im Schilde führe.
Wie er in seinem der Satzlehre gewidmeten Blog im Januar verriet, hat er Robert Musils gefürchteten Jahrhundertroman „Der Mann ohne Eigenschaften“ nur zu 11% geschafft.

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