Sie fuhren Richtung Küstenstraße. (…) Casablanca! Wie war das überhaupt? (…) Rechts von ihnen war die sonst grüne Natur grau und trist. Das Land machte eine endlose Jahreszeit durch, die weder Winter noch Sommer war und für die Bauern den schlimmsten Alptraum darstellte. Morgens herrschten eisige Temperaturen, unter denen Blüten und Knospen erfroren. Mittags dörrte eine sengende Sonne Täler und Ebenen aus. Es hatte seit drei Jahren nicht geregnet, und der Boden war so trocken, dass die Fellachen schließlich ihr Ackergerät weggepackt und das Pflügen und Säen aufgegeben hatten. Freitags betete man in allen Moscheen des Landes darum, dass endlich ein Wind aufkäme und Wolken brächte. Doch der Regen kam nicht, und unter der bescheidenen Steinbrücke, die das Auto überquerte, war der Er-Rbia ausgetrocknet. Die Bäume waren von einer dicken, weißen Staubschicht bedeckt. In der Ferne sah Mia ein Dutzend ausgemergelter Kühe. Sie irrten über die Ebene und suchten nach etwas Essbarem. Wenn die Dürre anhielt, würde man ganze Herden abschlachten müssen. Und wenn sie nicht auf diese Weise endeten, würden die Kühe irgendwann eine der schwarzen Plastiktüten fressen, die wie Fahnen von den Ästen der Bäume hingen, und ersticken. Sie wandte sich zur anderen Seite und sah dem Zug hinterher, der sie überholte. Dann fuhren sie an einer hohen Mauer entlang, die immer wieder Lücken aufwies. Man konnte nicht sagen, ob die Arbeiten unterbrochen worden waren oder ob die Menschen selbst diese Bogen geöffnet hatten, um ihr Vieh hindurchzulassen. (…) ein paar Baracken, Straßen voller Dreck, ein Esel, ein kleines Mädchen in einem blauen Kleid, ein Tuch um den Kopf gebunden, mit einem pausbäckigen Baby im Arm, ein Mann, der hinten auf einem Karren voller Orangen und Zwiebeln saß, mit Plastikschlappen an den Füßen. Auf der Mauer stehend, zeigten kleine Jungen den hupenden Autos ihren Mittelfinger. (…) Sie kamen nach Casablanca. Mia hatte eine wimmelnde, schmutzige und chaotische Stadt erwartet, eine Stadt wie die Londonder Vororte, die Dickens in seinen Romanen beschrieb, samt ihren Arbeitern mit rußgeschwärzten Gesichtern und den Frauen mit einem schreienden Baby im Arm, die sich nicht unterkriegen ließen. Was ihr zuallererst auffiel, was das Licht, das intensive strahlende Licht, das vom Ozean zu kommen schien und von den weißen Fassaden der hohen Art-Deco-Gebäude reflektiert wurde. Sie passierten die Place des Nations Unies, den Tour de l’horloge, den Parc de la Ligue Arabe. Eine Avenue folgte auf die nächste. Restaurants reihten sich an ausländische Firmen oder Privatclubs, wo die Reichen hingingen, um zu baden und sich zu entspannen. Casablanca vermittelte ihr das Gefühl einer Freiheit, die sie aus Rabat nicht kannte. Sie bemerkte, dass die Boutiquen und Lokale hier oft amerikanische Namen trugen. Während man in Rabat im Bourgogne oder im Café de France zu Mittag aß, trank man in Casablanca ein Glas in „Rick’s“, im „Sun“ oder im „Oklahoma“. Sie erreichten das Geschäftsviertel. Gegenüber der Bank bemerkte Mia das Schaufenster eines Eisladens mit italienischem Namen, und sie sah Männer in Anzügen aus einem Luxushotel kommen. (…)
In der Eingangshalle begann ein merkwürdiger Tanz. Die Telefonistinnen am Empfangstresen verstummten, eine von ihnen richtete sich die Frisur, erhob sich von ihrem Stuhl und nahm Haltung an. Zwei junge Männer drückten sich an die Wand, um Mehdi und das Mädchen, das ihn begleitete vorbeizulassen. Sie nahmen den Aufzug. Mia folgte ihrem Vater in sein riesiges Büro. Der Raum war größer als ihr Wohnzimmer in Rabat. Links gab es einen imposanten Tisch aus hellem Holz, auf dem sich Akten mit farbigen Deckeln stapelten. Ein brauner Lederbecher enthielt Füllfederhalter, und Mia bemerkte das Briefpapier, auf dem rechts oben schöner, himmelblauer Schrift stand: „Generaldirektor“. Gegenüber standen vier Ledersessel um einen Glastisch herum, auf den Uafa den Kaffee stellte. Doch was Mia faszinierte, was sich ihr für immer einprägte, war der Blick auf Casablanca. (…) Die Straße hatte Pastelltöne – hell orange, wassergrün … – und es kam ihr vor, als sähe sie keine echte Stadt, sondern eine Kulisse, die ein Regisseur sich für sie ausgedacht hatte. (…) „In Fès oder in Meknès fragt man dich immer, wessen Sohn du bist. Hier kannst du niemandes Sohn sein. Casablanca ist eine Stadt ohne Gedächtnis, ein El Dorado für Bastarde, Emporkömmlinge, Namenlose. (…)“ (…) War das das Geheimnis ihres Vaters? War er der Sohn von niemandem?
Aus „Trag das Feuer weiter“, dem finalen Band von Leila Slimanis Trilogie über eine marokkanische Familie, die viele autobiografische Züge trägt. Die Schilderung von der Fahrt nach Casablanca bezieht sich also vermutlich auf die Mitte der 90er Jahre.
-
Neueste Beiträge
Neueste Kommentare
- DirkNB zu „Ich hätt‘ mir was zu Lesen einstecken sollen.“
- Hans-Bernhard Barth zu Kultfilm Azubis: Einfach weiterspielen!
- Markus zu Der dankbare Glückspilz
- Ulrich zu Schimpfwortverzeichnis
- DirkNB zu Angebote an den Volksmund
Archiv
- Mai 2026
- April 2026
- März 2026
- Februar 2026
- Januar 2026
- Dezember 2025
- November 2025
- Oktober 2025
- September 2025
- August 2025
- Juli 2025
- Juni 2025
- Mai 2025
- April 2025
- März 2025
- Februar 2025
- Januar 2025
- Dezember 2024
- November 2024
- Oktober 2024
- September 2024
- August 2024
- Juli 2024
- Juni 2024
- Mai 2024
- April 2024
- März 2024
- Februar 2024
- Januar 2024
- Dezember 2023
- November 2023
- Oktober 2023
- September 2023
- August 2023
- Juli 2023
- Juni 2023
- Mai 2023
- April 2023
- März 2023
- Februar 2023
- Januar 2023
- Dezember 2022
- November 2022
- Oktober 2022
- September 2022
- August 2022
- Juli 2022
- Juni 2022
- Mai 2022
- April 2022
- März 2022
- Februar 2022
- Januar 2022
- Dezember 2021
- November 2021
- Oktober 2021
- September 2021
- August 2021
- Juli 2021
- Juni 2021
- Mai 2021
- April 2021
- März 2021
- Februar 2021
- Januar 2021
- Dezember 2020
- November 2020
- Oktober 2020
- September 2020
- August 2020
- Juli 2020
- Juni 2020
- Mai 2020
- April 2020
- März 2020
- Februar 2020
- Januar 2020
- Dezember 2019
- November 2019
- Oktober 2019
- September 2019
- August 2019
- Juli 2019
- Juni 2019
- Mai 2019
- April 2019
- März 2019
- Februar 2019
- Januar 2019
- Dezember 2018
- November 2018
- Oktober 2018
- September 2018
- August 2018
- Juli 2018
- Juni 2018
- Mai 2018
- April 2018
- März 2018
- Februar 2018
- Januar 2018
- Dezember 2017
- November 2017
- Oktober 2017
- September 2017
- August 2017
- Juli 2017
- Juni 2017
- Mai 2017
- April 2017
- März 2017
- Februar 2017
- Januar 2017
- Dezember 2016
- November 2016
- Oktober 2016
- September 2016
- August 2016
- Juli 2016
- Juni 2016
- Mai 2016
- April 2016
- März 2016
- Februar 2016
- Januar 2016
- Dezember 2015
- November 2015
- Oktober 2015
- September 2015
- August 2015
- Juli 2015
- Juni 2015
- Mai 2015
- April 2015
- März 2015
- Februar 2015
- Januar 2015
- Dezember 2014
- November 2014
- Oktober 2014
- September 2014
Kategorien
- A Portrait Of Hitch“
- Allgemein
- Belletristik (eigene Texte)
- Buchauszug
- Cartoon
- Cartoon (eigene Arbeiten)
- Chanson
- Checkliste
- Comic
- Comic (eigene Arbeiten)
- Essay
- Fernsehen
- Film
- Filmmusik / Soundtrack
- Gesellschaft
- Glosse
- Hommage
- Hörbuch
- Hörfunk
- Hörspiel
- Internet
- Kabarett und Comedy
- Kabarett-Geschichte
- Krimi
- Literatur
- Manuskript
- Marvel
- Medienkunde
- Medienphilosophie
- Mikrofonarbeit
- Monty Arnold – Biographisches
- Musicalgeschichte
- Musik
- Musik Audio
- Naturwissenschaften
- Noten
- Philologie
- Podcast
- Polemik
- Popkultur
- Portrait
- Quiz
- Ralf König
- Rezension
- Science Fiction
- Songtext
- Theater
- Übersetzung
- Übersetzung und Adaption