Notes On A Podcast: „Das Privatleben des Sherlock Holmes“*

Seit Jugendtagen ist „Das Privatleben des Sherlock Holmes“ einer meiner Lieblingsfilme. Er gehört zu den Top 5, falls es so etwas bei mir überhaupt geben kann.
Mehr als 50 Jahre nach seiner Entstehung bietet dieses leise, poetische Drama eine noch immer eine bemerkenswerte Variante der Holmes-Figur, die schon zuvor und besonders seither unablässig immer wieder parodiert, persifliert, plagiiert und neu ausgedeutet wird.
„Das Privatleben des Sherlock Holmes“ eröffnet das Spätwerk des großen Billy Wilder, ist für mich persönlich der beste Titel aus dieser Schaffensphase (weit vor „The Front Page“ oder „Avanti, Avanti!“) und wird dennoch fast immer vergessen.
Auch die Fachwelt mochte sich ihm nicht widmen. Wilders Kollegen Volker Schlöndorff, Helmut Dietl und Cameron Crowe unterließen es, ihn im Interview dazu zu befragen. Auch Hellmuth Karasek ignorierte den Film fast völlig, als er seine vor Flüchtigkeitsfehlern vibrierende „Nahaufnahme“ des Regisseurs in Buchform vorlegte. Er begründete das einmal schmallippig mit dem Hinweis, dass in diesem Film keine Stars vorkommen. So halbseiden eine solche Haltung für einen seriösen Filmhistoriker ist, so gut bringt sie auf den Punkt, was der heutigen Gemeinde dabei hilft, dieses Juwel zu übersehen.
Ein Genre dafür zu bestimmen, ist ebenso schwer wie die Beantwortung der Frage, was den hintersinnigen Komödienspezialisten Wilder eigentlich an seinem berühmten Gegenstand interessierte. Er demontiert seinen Helden nicht – obwohl der zentrale Fall des Films einer von denjenigen ist, die Holmes ungewöhnlicherweise nicht löst, und obwohl Watson hartnäckig versucht, herauszufinden, wie sein seltsam unnahbarer Freund und Mitbewohner es mit den Frauen und mit der Liebe hält. Er karikiert ihn nicht, obwohl es den Wilder-typischen Witz durchaus gibt.

Die Fernsehzeitungen scheiterten daran, den Film in kurzen Worten vorzustellen. Selbst die TV-Beilage des „Stern“ (einst ein wirklich ambitioniertes Heft im Heft) und die sorgsam-spitzfindige „TV Spielfilm“ schrieben unzutreffend darüber. So enthüllt der Film weder Holmes‘ Kokainsucht (die ist ein alter Hut), noch deutet er an, der Detektiv sei schwul – das argwöhnt Watson zwar zeitweise, doch es findet sich kein Beleg dafür.
Auch Billy Wilder selbst hat sich von seinem Lieblingsprojekt schließlich verbittert abgewandt, nachdem er vom Verleih gezwungen wurde, es von dreieinhalb auf zwei Stunden zu kürzen, und das Werk an der Kinokasse enttäuschte.
Als 1994 das MGM-Laserdisc-Label mit der Bitte an den Regisseur herantrat, bei der Rekonstruktion der Urfassung zu helfen, beschied Wilder knapp, er habe alles weggeschmissen. Die Wiederherstellung (sie fand sich später auch auf der Bluray-Veröffentlichung) blieb Fragment: von den fehlenden Szenen existieren heute nur noch entweder eine Tonspur ohne Bild, Filmszenen ohne Ton oder nur noch Standfotos.

Die zweistündige Schnittfassung, die wir heute zur Verfügung haben, ist von dieser Verstümmelung seltsam unbeschädigt. Der Film ist so makellos konstruiert, dass er vollständig wirkt. Und das ist nicht das einzige, was ihn bis heute sehenswert macht.

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* Der Podcast zu „Das Privatleben des Sherlock Holmes“ erscheint am 19. Juni.

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