betr.: Schreiben für Film, Funk und Fernsehen
Was dem breiten Publikum des Filmregisseurs Wes Anderson als simples Wiedererkennungsmerkmal genügt, um großes Entzücken auszulösen („Hui, einen Film dieses Regisseurs erkenne ich auf den ersten Blick!“), setzte der verstorbene Krimiautor Gilbert Keith Chesterton als raffiniertes Stilmittel ein: Geometrie. Das Raffinement des Zweiteren besteht in der Wichtigkeit dieser Strukturen für das Werk. Während die Geometrie bei Anderson (im Verein mit einer Palette kitschiger Sepiatöne) eine reine Blendgrante ist, hat sie bei Chesterton zumeist große Wichtigkeit für die Handlung, die sich innerhalb dieser Linien und Perspektiven abspielt.
Selten sind sie lediglich reiner Zierrat, um den Text zu eröffnen, etwa hier:
Zwischen dem Silberstreifen des morgendlichen Himmels und dem grünen, glänzenden Streifen des Meeres legte der Dampfer in Harwich an.
„Das blaue Kreuz“
Diesen Ort der Ankunft werden wir gleich wieder verlassen, um die Charaktere anderswo zu treffen. Doch spätestens diese Begegnung geschieht in einem Ambiente, dessen Beschreibung der Autor eine Präzision angedeihen lässt, die er sonst nur auf das Erscheinungsbild seiner Charaktere verwendet.*
Das Dörfchen Bohun Beacon lag auf einem so steilen Hügel, daß sein hoher Kirchturm nur eine Bergspitze zu sein schien. Am Fuß der Kirche stand eine Schmiede, die gewöhnlich von rotem Feuerschein erleuchtet und immer mit Hämmern und Eisenstücken übersät war; ihr gegenüber, jenseits einer Kreuzung holpriger Wege, befand sich „Der blaue Eber“, das einzige Wirtshaus des Ortes. An diesem Kreuzweg trafen sich beim ersten Schimmer eines bleiernen und silbernen Tages zwei Brüder …
„Der Hammer Gottes“
Irgendwo in Brompton oder Kensington draußen gibt es eine unendlich lange Straße, auf deren Seite sich je eine Reihe großer und stattlicher, aber meist unbewohnter Häuser hinzieht, Häuser, die aussehen wie Grabkammern. Sogar die Treppen, die zu den dunklen Eingangstüren hinaufführen, gleichen denen, wie man sie an Pyramiden findet; und wenn man schließlich vor einer dieser Türen steht, zögert man anzuklopfen, denn man hat das dunkle Gefühl, als müsse einem von einer Mumie geöffnet werden. Noch deprimierender an dieser Straße aber ist ihre unendliche Länge und das monotone Aufeinanderfolgen der grauen Fassaden. Wenn man die Straße so durchwandert, hat man den Eindruck, als komme nie eine Unterbrechung in der langen Reihe der Häuser, nie eine Ecke. Und doch – eine einzige Ausnahme gibt es, und der bedrückte Straßenwanderer begrüßt sie mit erleichtertem Aufatmen. Zwischen zweien dieser Häuser gibt es eine Lücke; sie ist im Vergleich zur Länge der Straße nur ein Spalt, eine Türritze, aber doch groß genug für ein winziges Gasthaus, das die Reichen dieser Straße ihren Stallburschen gerade noch genehmigen. (…) Zu den Füßen der grauen Steinriesen sieht die Schenke wie ein hellerleuchtetes Zwergenhäuschen aus.
„Cäsars Kopf“
„ … Da durchblitzte mich die Vorstellung, ein Unbekannter würde mich von den Dünen her anstarren. Eine Sekunde später glaubte ich doch eher an einen Streich meiner Nerven, denn der Mann war nur als ein kleiner schwarzer Punkt am Horizont zu erkennen, und es war kaum anzunehmen, daß er mich deutlicher sehen konnte. Was ich sicher erkennen konnte, war eine unbewegte Gestalt, die mit schräg geneigtem Kopf in die Gegend schaute. Es gab keinen logischen Beweis, dass er nach mir ausschaute – vielleicht betrachtete er ein Schiff, das Spiel der Möwen, erfreute sich am Sonnenuntergang oder beobachtete einen der anderen Menschen, die sich am Strand aufhielten. Aber meine Befürchtung erwies sich als richtig, denn als ich nun genauer hinsah, bewegte er sich weit ausschreitend über den nassen Sand geradewegs in meine Richtung. Als er näher kam, konnte ich erkennen, dass er dunkelhaarig und bärtig war und die Augen mit einer dunklen Brille verdeckte. Er war ärmlich aber recht ordentlich ganz in Schwarz gekleidet, angefangen beim alten Zylinder auf seinem Kopf bis zu den festen Stiefeln an seinen Füßen. Ohne auf dieses Schuhwerk zu achten, marschierte er in das Wasser hinein und kam mit der Gleichmäßigkeit eines abgefeuerten Geschosses auf mich zu …“
„Cäsars Kopf“
In dem kühlen, blauen Zwielicht zweier steiler Straßen in Camden Town glühte die Konditorei an der Ecke wie das Ende einer Zigarre.
„Der Unsichtbare“
Das Auto des Mannes war klein und flink, genau wie er. (…) Das Gefühl von etwas Kleinem, Dahinfliegendem wurde besonders deutlich, als sie so in dem ersterbenden, aber klaren Abendlicht die langen weißen Straßenwindungen entlangschwebten. Bald wurden die weißen Kurven schärfer und schwindelerregend. Sie bewegten sich in aufsteigenden Spiralen, wie es in den modernen Religionen heißt. Denn nun waren die beiden wirklich auf dem Gipfel eines Teiles von London, der ebenso steil abfällt wie Edinburgh, wenn er auch nicht ganz so malerisch ist. Terrasse erhob sich über Terrasse, und der Wohnblock, dem sie zustrebten, stieg – von der Abendsonne vergoldet – zu fast ägyptischer Höhe an.
Doch als sie um die Ecke bogen und in das Häuser-Halbrund fuhren, das den Namen „Hymalaiah Mansion“ trägt, änderte sich das Bild so jäh wie wenn sich plötzlich ein Fenster auftut, denn dieser Haufen Mietshäuser lag über London wie über einem grünen Schiefersee. Die buschige Umzäunung auf der anderen Seite des Kies-Halbrunds gegenüber dem Häuserblock glich eher einer Hecke oder einem Damm als einem Garten, und etwas tiefer floss ein künstlich angelegter Wasserstreifen, eine Art Kanal, sozusagen der Wallgraben dieser verborgenen Festung.
„Der Unsichtbare“
Bis in die Auslösung des Rätsels hinein wichtig ist die Topografie des Schauplatzes dieses Abenteuers:
Die beiden Männer tauchten gleichzeitig an den gegenüberliegenden Enden einer Art Galerie auf, die an einem Seitenflügel des Apollo-Theaters in Adelphi entlangführte. Das Licht der hereinbrechenden Dämmerung fiel satt und leuchtend in die Straßen. Im Vergleich dazu war die Galerie dunkel, so daß einer den anderen in der Entfernung nur als schemenhaften Umriß ausmachen konnte.
„Der Mann auf der Galerie“.
_____________
* siehe auch die Reihen „Wohnwelten“ und „So siehst Du aus!“betr.: Schreiben für Film, Funk und Fernsehen
-
Neueste Beiträge
Neueste Kommentare
- Hans-Bernhard Barth zu Emma Peel und die Rache der Enterbten
- Hans-Bernhard Barth zu Kultfilm Azubis: Billy Wilder – Double Feature
- Hans-Bernhard Barth zu Kultfilm Azubis: Billy Wilder – Double Feature
- Hans-Bernhard Barth zu Kultfilm Azubis: Billy Wilder – Double Feature
- Hans-Bernhard Barth zu Kultfilm Azubis: Billy Wilder – Double Feature
Archiv
- Juli 2026
- Juni 2026
- Mai 2026
- April 2026
- März 2026
- Februar 2026
- Januar 2026
- Dezember 2025
- November 2025
- Oktober 2025
- September 2025
- August 2025
- Juli 2025
- Juni 2025
- Mai 2025
- April 2025
- März 2025
- Februar 2025
- Januar 2025
- Dezember 2024
- November 2024
- Oktober 2024
- September 2024
- August 2024
- Juli 2024
- Juni 2024
- Mai 2024
- April 2024
- März 2024
- Februar 2024
- Januar 2024
- Dezember 2023
- November 2023
- Oktober 2023
- September 2023
- August 2023
- Juli 2023
- Juni 2023
- Mai 2023
- April 2023
- März 2023
- Februar 2023
- Januar 2023
- Dezember 2022
- November 2022
- Oktober 2022
- September 2022
- August 2022
- Juli 2022
- Juni 2022
- Mai 2022
- April 2022
- März 2022
- Februar 2022
- Januar 2022
- Dezember 2021
- November 2021
- Oktober 2021
- September 2021
- August 2021
- Juli 2021
- Juni 2021
- Mai 2021
- April 2021
- März 2021
- Februar 2021
- Januar 2021
- Dezember 2020
- November 2020
- Oktober 2020
- September 2020
- August 2020
- Juli 2020
- Juni 2020
- Mai 2020
- April 2020
- März 2020
- Februar 2020
- Januar 2020
- Dezember 2019
- November 2019
- Oktober 2019
- September 2019
- August 2019
- Juli 2019
- Juni 2019
- Mai 2019
- April 2019
- März 2019
- Februar 2019
- Januar 2019
- Dezember 2018
- November 2018
- Oktober 2018
- September 2018
- August 2018
- Juli 2018
- Juni 2018
- Mai 2018
- April 2018
- März 2018
- Februar 2018
- Januar 2018
- Dezember 2017
- November 2017
- Oktober 2017
- September 2017
- August 2017
- Juli 2017
- Juni 2017
- Mai 2017
- April 2017
- März 2017
- Februar 2017
- Januar 2017
- Dezember 2016
- November 2016
- Oktober 2016
- September 2016
- August 2016
- Juli 2016
- Juni 2016
- Mai 2016
- April 2016
- März 2016
- Februar 2016
- Januar 2016
- Dezember 2015
- November 2015
- Oktober 2015
- September 2015
- August 2015
- Juli 2015
- Juni 2015
- Mai 2015
- April 2015
- März 2015
- Februar 2015
- Januar 2015
- Dezember 2014
- November 2014
- Oktober 2014
- September 2014
Kategorien
- A Portrait Of Hitch“
- Allgemein
- Belletristik (eigene Texte)
- Buchauszug
- Cartoon
- Cartoon (eigene Arbeiten)
- Chanson
- Checkliste
- Comic
- Comic (eigene Arbeiten)
- Essay
- Fernsehen
- Film
- Filmmusik / Soundtrack
- Gesellschaft
- Glosse
- Hommage
- Hörbuch
- Hörfunk
- Hörspiel
- Internet
- Kabarett und Comedy
- Kabarett-Geschichte
- Krimi
- Literatur
- Manuskript
- Marvel
- Medienkunde
- Medienphilosophie
- Mikrofonarbeit
- Monty Arnold – Biographisches
- Musicalgeschichte
- Musik
- Musik Audio
- Naturwissenschaften
- Noten
- Philologie
- Podcast
- Polemik
- Popkultur
- Portrait
- Quiz
- Ralf König
- Rezension
- Science Fiction
- Songtext
- Theater
- Übersetzung
- Übersetzung und Adaption