Weder hart noch fair

betr.: Online-Kritik*

Nach „Deepstate“, einer Recherche in den Gefilden der „Reichsbürger“, folgt Louis Klamroth in der zweiten Staffel von „Hateland“ neuerlich den „Spuren von Radikalisierung in Deutschland“. „Die Schill-Show“ erzählt die Geschichte von Ronald Barnabas Schill, der vor 25 Jahren mit einem rechtspopulistischen Law-and-Order-Programm als Koalitionär eines CDU-Politikers ausgerechnet im tutig-tiefenentspannten SPD-Hotspot Hamburg die Macht ergriff. Die WDR-Produktion ist vollständig auf ARD Sounds abrufbar.
Der schnelle Aufstieg des geschassten Amtsrichters blieb bis heute ebenso beispiellos wie der folgende Karriere-Cocktail aus Schlagzeilen, Skandalen und dem Absturz ins Auslach- und Ekelfernsehen. Kann man so eine Geschichte überhaupt sachlich und unaufgeregt wiedergeben? Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass das möglich wäre.

Wie sich das gehört, beginnt die Reportage in der Gegenwart: Klamroth und sein Team der Unerschrockenen klopft an die Tür von Schills aktuellem Wohnhaus in einem südamerikanischen Elendsviertel. Wird der Ronald der Schreckliche tatsächlich die Tür öffnen – und wenn ja, was dann? Mit der Auflösung dieses Cliffhangers müssen wir bis zum Finale des Fünfteilers warten. So wäre es jedenfalls im linearen Medienzeitalter gewesen, dem der Autor ebenso verhaftet ist, wie neumodisch-infantilen Social-Media-Stilblüten. Das zeigt sich im Laufe der Reihe immer wieder, zum Beispiel wenn er mehrmals darauf hinweist, dass er der kleine Junge aus „Das Wunder von Bern“ gewesen ist („Ich spielte die Hauptrolle!“) – irgendjemand Jüngeres aus der Redaktion hat ihm dafür wohl Klickzahlen versprochen …

So ernst „Die Schill Show“ das geschmackliche Vorbild seines Themas nimmt, so sehr lässt sie sich auch in puncto journalistischer Sauberkeit davon inspirieren. Seinen wichtigsten Zeitzeugen Ole von Beust – den ehemaligen Ersten Bürgermeister der Hansestadt Hamburg, der sich sehenden Auges auf eine Koalition mit der Schill-Bande einließ, um endlich an die Macht zu kommen, und der seinen Innensenator schließlich mit der späten Einsicht feuerte, ihm sei klargeworden, dass demselben die charakterlichen Voraussetzungen für das Amt fehlten – lässt Klamroth als knuffigen Privat-Onkel auftreten, dessen Taktieren einfach Schicksal war, dumm gelaufen, was soll’s? Dabei hat von Beust mit seiner Steigbügelhalterei nichts weniger geleistet als einen wichtigen Beitrag zum Aufstieg des Populismus in Deutschland.  Auch das Bild des hochtalentierten Medien-Profis, das von Ronald Schill selbst entworfen wird, ist aufgejazzt. Sein Humor und seine Schlagfertigkeit werden jedenfalls von keinem einzigen O-Ton untermauert, der in der Serie zu hören ist. Schill hatte schlechte Manieren und eine große Klappe, lange bevor Boris Johnson, Donald Trump & Co noch schlechtere eine noch größere hatten. Aber das ist eher siegreiche Frechheit als Eloquenz. Offensichtlich tut Klamroth, was er kann, um seinem wenig ansprechenden Titelhelden zu Relevanz und Fallhöhe zu verhelfen, was bleibt ihm übrig?

Die Dokumentation „Hateland – Die Schill Show“ ist ebenso eitel, halbseiden, populistisch und para-seriös wie ihr Gegenstand. Das heißt dann wohl: Mission accomplished.

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* Kontakt: hateland@wdr.de. Netiquette für Kommentare: https://www1.wdr.de/hilfe/kommentarregeln100.html

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