Exilliteratur – einst und jetzt

Bei „Schreiben im Exil“ denken wir meist an das, was vertriebene deutschsprachige Autoren während der NS-Zeit im Ausland verfasst haben. In der Sekundärliteratur ist es eine Art Epochenbegriff („1933-45“). Mit zunehmendem zeitlichem Abstand hat sich der Begriff geweitet. Auch heute werden Schriftstellerinnen und Schriftsteller vertrieben und müssen in anderen Ländern Zuflucht suchen, einige von ihnen in Deutschland. Deutschland hat die Position gewechselt.
Die Erfahrung des Exils weil jemand etwas schreibt, was den Machthabern nicht gefällt, ist fast so alt wie die Literatur selbst. Ovid soll von Augustus wegen eines Gedichts ans Schwarze Meer verbannt worden sein – und weil er wohl Kenntnis von Intrigen am kaiserlichen Hof erlangt hatte. (In der Exilliteratur wird immer wieder auf dieses historische Beispiel bezug genommen.) Im Fall von Dante hatte die Verbannung aus Florenz politische Gründe. Als die Machtverhältnisse sich änderten, stand er auf der falschen Seite.
Der Exilbegriff hat jedenfalls eine lange Tradition.
Erst im 20. Jahrhundert gab es in Europa Länder, die nicht nur einzelne Literaten verfolgten, sondern die unabhängige Literatur als solche: zuerst die Sowjetunion, dann das nationalsozialistische Deutschland, im Kalten Krieg schließlich die Diktaturen Osteuropas.
Für die Schreibenden ist das Schicksal der Vertreibung naturgemäß besonders folgenreich, bedeutet es doch oftmals auch den Verlust des Lesepublikums, gerade bei kleineren Sprachen. Es gibt offiziell vier „lucky languages“, vier Glückssprachen: Englisch, Französisch, Spanisch und Arabisch. Das sind Sprachen, die in mehr als zwanzig Ländern gesprochen werden.

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