Persönliches Fazit des Bachmann-Jubiläumsjahres in der Mediathek
Die Hundertjahrfeier für Ingeborg Bachmann gab mir Gelegenheit, eine unbehagliche Bildungslücke endlich zu schließen. Von all den Heldinnen und Helden der „Gruppe 47“ war mir diese Autorin bisher immer entwischt. Lediglich an ihren Hörspielen – Bachmann war eine zentrale Größe auch auf diesem Gebiet – habe ich mir immer wieder die Zähne ausgebissen: zu proklamierend, zu wenig von etwas getragen, was mir als Handlung auffiel oder gar einleuchtete. Nicht einmal „Der gute Gott von Manhattan“, der mir mittlerweile in vier Fassungen vorliegt (die wenigsten Filmstoffe bringen es auf so viele Remakes), war für mich mehr als ein interessantes Thema, das sich in seinen Variationen verzettelt.

In den letzten Wochen hatte ich nun Gelegenheit, mich hörenderweise (was mir mit abnehmender Sehkraft immer größeres Vergnügen bereitet) durch ihr Werk zu graben. Einige ihrer Essays und Erzählungen wurden aus feierlichem Anlass neu produziert, doch zum Glück waren auch die Archivalien nachhörbar.
Mein Fazit: ich bin kein Bachmann-Versteher und werde sicher niemals zu ihren wirklichen Kennern oder gar Bewunderern zählen. Es ist mir alles zum pompös und verkopft. Einzige Ausnahme: „Das dreißigste Jahr“ – hier bevorzuge ich die ältere der verfügbaren Aufnahmen: das Duett, das Gert Westphal und Oswald Döpke 1961 für rb und SDR eingesprochen haben. Der Inhalt wird vom SWR aktuell so angegeben: Ein junger Mann, der kurz vor seinem dreißigsten Geburtstag steht, nimmt schlagartig wahr, dass die Leichtigkeit des Seins unwiederbringlich vorüber ist, und stürzt in eine tiefe Existenzkrise. – Das hört sich wieder ganz nach der irgendwie zwecklosen Grübelei an, die ich in Bachmanns Texten an anderer Stelle erblickt habe, nach dieser Prosa, bei der selbst die Wortwahl mich niemals überrascht oder erheitert. Hier ist alles anders. „Das dreißigste Jahr“ ist ein überaus anregender Text, der mich – wäre es der erste gewesen, der mir von dieser Autorin untergekommen wäre – zu schönster Vorfreude angetrieben hätte.