betr.: Personenbeschreibungen in der Literatur
Robert Louis Stevenson (1850-94)
Die Schatzinsel
Long John Silver
Wie ich noch wartete, trat ein Mann aus einem Nebenzimmer, und auf den ersten Blick war ich gewiß, daß es der „lange John“ sein mußte. Sein linkes Bein war ihm dicht unter der Hüfte abgenommen und unter der linken Schulter trug er eine Krücke, deren er sich mit wunderbarem Geschick bediente, indem er wie ein Vogel herumhüpfte. Er war hochgewachsen und kräftig, mit einem Gesicht so groß wie ein Schinken, das zwar blaß und häßlich war, im übrigen aber klug und fröhlich aussah. Er schien durchaus guter Laune zu sein, wie er sich pfeifend zwischen den Tischen bewegte und jeden Stammgast mit einem Scherzwort oder einem freundlichen Schlag auf die Schulter bedachte.
Um die Wahrheit zu sagen, gleich als Herr Trelawney den „langen John“ in einem Brief erwähnte, hatte mich die Furcht befallen, es möchte jener einbeinige Matrose sein, nach dem ich so lange Zeit im „Admiral Benbow“ hatte Ausschau halten müssen. Aber ein Blick auf den Mann vor mir war genug, um meinen Besorgnissen ein Ende zu machen. Ich hatte den Kapitän gesehen, den „schwarzen Hund“ und den blinden Pew und glaubte nun zu wissen, wie ein Freibeuter aussieht – nämlich ganz anders als dieser saubere, muntere Gastwirt.
Sofort faßte ich Mut, überschritt die Schwelle und ging geradewegs auf den Mann zu, der, auf die Krücke gestützt, dastand und sich mit einem Gast unterhielt.
„Herr Silver?“ fragte ich, den Brief vorzeigend.
„Ja, mein Junge“, sagte er, „so heiße ich zweifellos. Und wer bist denn du?“
Und als er den Brief des Gutsherrn sah, setzte er sich in Positur.
„Ah!“ sagte er ganz laut und streckte mir die Rechte entgegen. „Ich sehe schon, du bist der neue Kajütenjunge. Freue mich, deine Bekanntschaft zu machen.“
Und er umschloß meine Hand mit seiner mächtigen Tatze.
_________________
https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/robert-louis-stevenson-die-schatzinsel-9783446243460-t-1472