Witz oder Schönheit

Thomas Hermanns erklärt in „netter is better“*, wie sehr ein guter Comedian über seine Normalität funktioniert, „weil sich nämlich alle so“ benehmen, also in die selben Kalamitäten geraten, die auch den Alltag des Publikums prägen:

»Das schafften allerdings nur die Comedians, die nicht diesem natürlichen Reflex folgten, ihr eigenes peinliches Benehmen zu überspielen. Denn als guter Comedian muss man in dieses peinliche Gefühl eintauchen, sich eine Mentalnote machen und daraus seine Nummer schreiben. Und dafür darf man sich selbst nicht zu wichtig nehmen, nicht zu eitel sein und – auch das haben fast alle gemein – muss man irgendwann in irgendeiner Form von der Normalität ausgeschlossen gewesen sein. Kein Comedian hat nach seinem erfolgreichen Modeljob oder seinem abgeschlossenen Jurastudium beschlossen, Comedian zu werden, das gibt es nicht. Als erfolgreicher Comedian musst du gelitten haben. Du musst zumindest zeitweise von der Gesellschaft in die Peripherie und damit in die Außenperspektive gedrängt worden sein; dieser Blick von außen verbindet die Comedians miteinander. Das heißt, auf dem Schulhof hätten wir vermutlich alle in der selben Ecke gestanden – garantiert nicht in der hippen Mitte! Wir hätten uns weder bei den Sportstars noch bei den Mathegenies getummelt, was aber nicht bedeutet, dass wir alle total mistifts gewesen wären. Das nicht. Trotzdem verabschiedet sich natürlich keiner freiwillig aus der Gemeinschaft, weil er das so nett findet, jetzt mal am Rand zu stehen. Wenn du die Blonde warst, auf die alle abgefahren sind, oder der Sportler, den alle haben wollten, dann hast du dich eher nicht ins Abseits bewegt. Stattdessen hat die Blondine wahrscheinlich den Sportler geheiratet und mit ihm Kinder gekriegt – aber da steckt keine Comedy drin.«

Hermanns schildert dies sehr treffend und grundsätzlich im Kapitel über die Anfänge des von ihm gegründeten „Quatsch Comedy Club“ 1992. Die Verhältnisse stellen sich in der speziellen Situation der deutschen Comedyszene, die sich aus seinem Projekt entwickelt hat, etwas anders dar. Das gilt auch für die Bedeutung der Ansehnlichkeit für die Zugehörigkeit zur Mitte. Dazu zitiert der Autor einen (seinerseits ansehnlichen) berühmten Kollegen:

»Jerry Seinfeld von der sehr erfolgreichen amerikanischen Sitcom hat immer gesagt: “Niemand ist gleichzeitig hübsch und lustig.” Tatsächlich ist gutes Aussehen in der Comedy eher ein Hindernis, du gehörst dann vom Status her eher dem Gewinnertyp an – und Gewinnertypen sind nicht lustig (…). Das heißt: Du kannst zwar gut aussehen UND lustig sein, aber es hilft dir nicht bei deinem Job. Stattdessen nutzt es dir viel mehr, wenn du auf die Leute im Publikum nicht bedrohlich wirkst. Und schöne Menschen sind nun einmal beängstigend, da sie gesellschaftlich eindeutig auf der höheren Stufe stehen – vor allem, sobald sie im Rudel auftreten.«

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* Das Buch erschien 2019 in der „Lebenshilfe“-Rubrik bei Gräfe und Unzer, kurz vor dem Corona-Lockdown, der das im Text verhandelte magere Ansehen der Leichten Muse in der Bundesrepublik in eine neue, nunmehr amtlich beglaubigte Tiefe hinabstoßen sollte.

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