Good Looking Grusel

betr.: Die aktuelle Filmkritik im Podcast

Clayface
Body-Horrorfilm von James Watkins

Matt Hagens Aufstieg vom Straßenjungen aus Gothams Elendsviertel zum oscarnominierten Hollywood-Star findet ein jähes Ende, als ein eifersüchtiger Gangsterboss ihm das Gesicht zerschneidet. Als grausam entstellter Außenseiter wird Matt von seinem Anwalt betrogen und von Freunden und Weggefährten im Stich gelassen. Sein letztes Geld investiert er in ein noch ungetestetes medizinisches Verfahren: die Injektion von Nanozellen. Nach und nach führt die Therapie der jungen Forscherin Caitlyn Corr zum Erfolg. Dr. Corr warnt Matt vor eventuellen Neben- und Nachwirkungen. Als diese einsetzen, verpasst er sich gegen den Willen der Ärztin eine Überdosis. Äußerlich ist er wieder hergestellt, doch seine Persönlichkeit verändert sich. Matt beginnt einen Rachefeldzug, der bald ebenso außer Kontrolle gerät wie seine frisch erworbenen Superkräfte …

Tom Rhys Harries
spielt die Hauptrolle in diesem sehr expliziten Horrorfilm, der erbarmungslos dem Verderben zustrebt. Zu den Produzenten zählen James Gunn und Matt Reeves.

Die Kritik zum Hören:
https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/clayface

Der walisische Schauspieler Tom Rhys Harries sieht aus wie eine etwas herbere Variante von Heath Ledger, der als „Joker“ allgemeinen Beifall erntete. Es war sein größter Erfolg und der letzte vor seinem frühen Tod. Solche Assoziationen ploppen zahlreich auf, wenn man sich das neueste Produkt aus dem DC-Universum anschaut. Man muss an unzählige Filme denken, die hier gar nicht mal gewürdigt oder absichtlich zitiert werden, sondern aus denen sich einfach Teile wiederholen: Bilder, Szenen, Topoi, Klischees, ganze Dialoge … es ist reiner Zufall, weil scheinbar irgendwie alles schonmal dagewesen ist und niemand auf sowas achtet. Das Comic-Fan-Publikum wird es auch nicht so eng sehen, hat man sich wohl in Hollywood gesagt – und liegt damit sicher nicht ganz falsch.
Dass wir erfahreneren Nerds gegen Ende an ganz bestimmte ältere Filme denken müssen, ist aus zwei Gründen ungünstig. Erstens sind es inhaltlich sehr gute Filme, gegen die „Clayface“ auf keiner Ebene künstlerisch ankommt, und zweitens ist deren Tricktechnik – etwa die aus „Terminator 2“ oder „Der Tod steht ihr gut“, aus denen sogar Bewegungsabläufe kopiert werden – inzwischen über 30 Jahre alt. Eine lange Zeit, in der sich anscheinend nichts entwickelt hat.

„Clayface“ ist ein weiteres Beispiel für eine Art Mainstream-Kino, das gerade als Welle über uns hinwegrollt, ohne dass das sonderliche Aufmerksamkeit erregen würde. Wir bekommen zur Zeit regelmäßig Horrorfilme zu sehen, die wie A-Produktionen aussehen – obwohl dieser Film mit nur 40 Millionen US-Dollar Produktionskosten ein Schnäppchen war. Ein guter Look ist einfach inzwischen billiger zu haben. Diese Entwicklung ist aus mehreren Gründen irritierend. Erstens ist der Horror seit Beginn des Tonfilms – also seit beinahe einem Jahrhundert – ein Billig-Genre, häufig reiner Trash. Die preiswerte Machart gehört so untrennbar zum Markenkern dieser Gattung, dass die darin erzählten hastig gestrickten Gruselgeschichten sich mit der Hochglanz-Ästhetik unserer Tage einfach nicht vertragen. Es wirkt schief, unwuchtig, irgendetwas stimmt da nicht.
Man könnte auch sagen: der teils freiwillige, teils unfreiwillige Humor, den die niedrigen Budgets mit sich brachten, ließ die jeweilige haarsträubende Story sympathischer erscheinen. In den sozialen Medien wollen einige in „Clayface“ Humor erblickt haben, aber das halte ich für eine Falschmeldung.
Dabei könnten wir ihn gut gebrauchen, denn der Held ist mit der beliebten Donald–Trump-Vokabel „erratisch“ gut umschrieben. Selbst wer seinen Rachefeldzug nachvollziehen kann, könnte ihn im letzten Drittel des Films für einen reinen Mistkerl halten, dem man ungern zusieht. Noch ein sehenswerter Film kommt mir gerade in den Sinn: „Joker“ (diesmal der mit Joaquin Phoenix, auch er ein Erfolg bei Kritik und Publikum). Auch er war gerade so dicht am DC– bzw. Batman-Universum gebaut, dass er von der Prominenz des Franchise profitierte, ohne sich wirklich darauf einlassen zu müssen. Beide Filme halten sich von den Figuren und Gesetzen des Superhelden-Kinos möglichst fern. Doch im Gegensatz zum Joker ist Clayface nur ein sehr nachrangiger Bösewicht aus der Comic-Vorlage, der überdies mit der Figur im Film so gut wie nichts zu tun hat. Matt Hagen ist dem Gestaltwandler Odo aus „Star Trek“ ähnlicher als dem gleichnamigen Bösewicht. An seine Herkunft erinnert vor allem der Schauplatz Gotham City, ein expressionistisch verfratztes New York, in dem der amerikanische Traum sogar in den besseren Gegenden offensichtlich gescheitert ist. Nur selten lotet „Clayface“ sein relevantes Thema aus: unsere Oberfläche und die immens gesteigerte Wichtigkeit, die sie heute hat. In einer Szene wird der Held mit dem Hinweis getröstet, es sei ja nur die Haut, ein kleiner Teil von uns, mit dem er Probleme habe. – Aber leider ist die Haut unser größter Körperteil …

Der Film hat Potenzial, doch er kann sich nicht entscheiden. Er will keine Wendung, keine Eskalation, keinen Ekelkram in Großaufnahme auslassen, und so bekommt er die üblichen leidigen Probleme mit dem dritten Akt. Am Ende ist alles nur noch absurd. Das ist bedauerlich, denn mit etwas Maß und Zeil hätte etwas daraus werden können. Der Film ist flotter als „Venom“ und „Morbius“ – zwei sehr vergleichbare Marvel-Stoffe der letzten Jahre, die in ihrer Tristesse gut zu DC gepasst hätten – und außerdem besser als “Darkman“, eine billige 90er-Jahre-Gruselklamotte, die wie eine Vorstudie zu „Clayface“ wirkt.

„Clayface“ wird die Genre-Fans gut unterhalten. Er zeigt aber eines deutlich: Ob in Hollywood künftig eine KI für die Drehbücher zuständig ist oder eine ignorante Generation von Regisseuren und Autoren, die die Ideen irgendwelcher Geldgeber umzusetzen hat, spielt keine Rolle; es wird zu den selben austauschbaren Ergebnissen führen. Immerhin werden sie gut aussehen.

Dieser Beitrag wurde unter Film, Podcast, Rezension abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen für den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert