betr.: Personenbeschreibungen in der Literatur
Aldous Huxley (1894-1963)
Kommt Zeit, kommt Rache
Muriel, ein Zwitscherbaby
Und Muriel war emsig damit beschäftigt, all das hervorzukehren, was sie, Anne, stets von Herzen verabscheute. Sie war ein flaumiges, zwitscherndes Vögelein, kindlich und zugleich verhurt; jene Sorte Weiber, die Männern gegenüber von sich selbst nur im Diminutiv sprechen; die sich absichtlich einfältig stellen, damit alte Herren nachsichtig lächeln und glauben, sie seien unsagbar gerissen; die in ein Babylachen ausbrechen und Babyaugen aufschlagen und alle Männer einladen, sich als Beschützer und voraussichtliche Schänder einer unmündigen Unschuld zu betrachten.
Da war sie also wieder, zwanzig Jahre später, aber trotzdem Muriel – Muriel, an der sich die Rache offenbarte, Muriel, die der Lauf der Zeit sozusagen mit einer höheren Bedeutung ausgestattet hatte. Denn unter dem Übermaß von Rouge und Puder zeigte das kleine runde Babygesicht Runzeln und war schlaff geworden. Und was einst ein entzückender Körper gewesen, war enorm geworden im Verhältnis zum Kopf – ein Hügel aus ältlichem Fleisch, von einem unpassenden Puppenschädel gekrönt. Doch der Stil ihrer Kleider, der Tonfall ihrer Stimme, die Dinge, die sie sagte, und die Art, wie sie sie vorbrachte, waren unverändert geblieben. Da waren dieselben Rüschen, dieselben Bänder, dieselben blassen Farben. Derselbe schwachsinnige Kanari zwitscherte dasselbe ungereimte Zeug; dieselbe Parodie eines Kindes schlug dieselben blauen Augen auf und beschwor dieselbe widerliche onkelhafte Lüsternheit herauf. Heute galt dieses Beschwören nicht einem jener ältlichen Industriellen oder Volkswirtschaftslehrer, die ihre prädestinierten und legitimem Opfer waren, sondern diesem Knaben in den Zwanzigerjahren. Einem doppelten Inzest geneigt, forderte sie jemanden, der ihr Sohn hätte sein können, dazu heraus, ihr Väterchen zu werden.
(…) [Ein] “Zwitscherbaby” (…), das mit fünfzig Wort für Wort, Geste für Geste die Rolle Zwitscherbabys mit dreißig, mit zwanzig, ja seit dem Pubertätsalter spielte und herunterleierte. Nichts hatte sich geändert, außer dem Gewicht. In den alten Zeiten war die Schauspielerin ebenso leicht gewesen wie die Person, die sie darstellte. Doch nun war die Rolle Zwitscherbabys von einer jener massiven Veteraninnen übernommen worden, die darauf bestehen, Julia zu spielen, selbst wenn ihre Großmutterschaft auch durch das festeste Schnüren, die goldenste Perücke nicht mehr vertuscht werden kann.
