Der letzte Mensch und die Methode Luca Brasi

Kaum eine politikwissenschaftliche These wurde so gründlich missverstanden wie jene des US-amerikanischen Politikwissenschaftlers Francis Fukuyama: Als er im Sommer 1989 – nur wenige Monate vor dem Fall der Berliner Mauer – in seinem berühmten Essay „Das Ende der Geschichte“ ausrief, meinte er keineswegs, dass es keine Kriege, Konflikte oder historische Schlüsselereignisse mehr geben wird. Fukuyamas Kernthese war rein philosophischer Natur: Die Kombination aus Rechtsstaat, Demokratie und Marktwirtschaft stellt das finale Modell der politischen Ideengeschichte dar, postulierte er. Dass Systeme in der Praxis fehlerhaft sind oder Autokratien fortbestehen, ändert nichts daran: Im globalen Ideenkatalog existiert schlicht keine höhere, funktionierende Alternative mehr. Monarchismus, Faschismus und Kommunismus haben sich historisch als unterlegen erwiesen.
Vor allem im Falle des letzteren verstummen törichte Leugnungen auch im offiziell demokratischen Lager nicht und sind selbst unter geachteten Intellektuellen salonfähig. So hält der allgemein als spitzfindiger-humanistischer Entertainer beklatschte Gregor Gysi die DDR bis heute „nicht für einen Unrechtsstaat“ – eine Ansicht, die auch unter aktiven jungen Politikern (also solchen, die das Elend nicht erleben mussten) wieder geteilt wird. Das traurige Thema der unverdrossenen Kommunismus-Verherrlichung hat Christian Reiermann soeben im „Spiegel“ zusammengefasst, und zwar so mustergültig, dass ich mir den Artikel „Marx und Murks“ rahmen werde.
Doch das andere, das rechte Extrem hat gegenwärtig einen solchen Vorsprung, dass der olle Marx mit seinem Rauschebart schon wieder wieder posterwürdig wird …

Dass die freiheitliche Ordnung allerorten wankt, liegt an einem der genannten Fehler der Demokratie: um effektiv wehrhaft zu sein, müsste sie sich einiger hässlicher Mittel bedienen, die ihren totalitären Gegnern keine Gewissensbisse bereiten. Damit ist ihr Unterliegen unausweichlich, sobald es – wie im Augenblick – zu einem Zweikampf kommt. Jedenfalls im Augenblick. Die dritte Demokratie auf deutschem Boden wird – falls es dazu noch kommt – eventuell pragmatischer konzipiert sein.

In seinem aktuellen Werk „Der letzte Mensch“ blickt Francis Fukuyama übrigens auf das psychologische Vakuum unseres saturierten Zeitalters – und bleibt somit beim Thema*. Der Schlüssel zum Verständnis des globalen Rechtsrucks liegt für ihn in einem antiken Konzept Platons: dem Thymos – dem tiefen menschlichen Verlangen nach Anerkennung und Würde. Während die liberale Demokratie zwar immensen materiellen Wohlstand schuf, hinterließ sie bei vielen das Gefühl, kulturell und sozial herabgesetzt zu werden.
Populistische Bewegungen besetzen dieses Vakuum perfekt: Sie verwandeln ökonomische Verlustängste in Identitätskämpfe und bieten im Tausch für Kränkungen ein kollektives Gefühl von Stolz. Weil das System zwar Sicherheit, aber keine tiefe Sinnstiftung liefert, bricht eine paradoxe Rebellion gegen den Frieden selbst aus. Es ist die von Friedrich Nietzsche prophezeite Flucht vor der Existenz als satter, aber gelangweilter „letzter Mensch“: Der moderne Bürger erschafft sich künstliche Feindbilder und zerstört lieber eine funktionierende Demokratie, als in einem bedeutungslosen Konsumparadies zu leben.
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* Francis Fukuyama: „Der letzte Mensch. Wohin steuert die Welt?“, Übersetzung von Helmut Dierlamm und Thomas Stauder, Verlag Hoffmann und Campe

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