Im Sommer stand das Gras
Ich war in der Prärie
Ein Häuptling hoch zu Pferd
Ich fand mein Lager nie
Die Großen hatten wohl
den Westen schon zerstört.
Jacques Brel: „Mon Enfance„
„Stand By Me – Das Geheimnis eines Sommers“ ist ein Lieblingsfilm für viele, die ihn kennen. Besonders für die Jungs. (Dass Stephen King ihn für die gelungenste Verfilmung eines seiner Bücher hält, hat gewiss auch damit zu tun, dass es hier kein Horrorstoff ist, der die Vorlage bildet.)
Mich lässt er bei aller Sympathie für seine Figuren und bei aller Anerkennung seiner Vorzüge eher kalt. Ich mag ihn, aber er berührt mich kaum. Eigentlich nur ein einziges Mal, und das kommt so spät (siehe unten), dass ich mir die Frage nicht verkneifen kann: Warum erst jetzt?
Ich glaube, der Film kann nichts dafür. Ich bin einfach nicht gemeint.
Die Melancholie, die ihn durchzieht, beruht ganz wesentlich auf der latenten Traurigkeit, den letzten Sommer der Kindheit und Jugend zu erleben, bevor der sprichwörtliche Ernst des Lebens beginnt.
Auch ich denke gern an die heißen Sommer in den endlosen Wiesen hinter dem elterlichen Grundstück zurück, an die riesig wirkenden blühenden Gräser und die vielen Insekten.
Aber es gab kein Baumhaus. Und auch eine Klicke, in der ich mich hätte geborgen fühlen können, hatte ich nicht. Wenn Kiefer Sutherland um die Ecke kam, musste ich allein mit ihm fertigwerden.
Ich war nicht nur Klassenclown, Klassensprecher und schlecht im Sport – alles obligatorisch für die Vertreter meines Berufes –, nein, ich war ein Außenseiter. Ich war der Außenseiter. Dass es später Modewörter wie „Bully“ oder „Mobbing“ dafür geben würde, wusste ja keiner.
So war es für mich keine unangenehme Vorstellung, dass all das irgendwann vorbei sein würde. Ich konnte das Ende dieser Lebensphase der Fremdbestimmung, der erzwungenen Wohngemeinschaft, des Ausharrens auf dem Dorfe nicht erwarten. Ich lechzte danach, endlich erwachsen zu werden und in die Stadt zu ziehen.
Als ich es endlich tun konnte, hatte ich – aller späteren Krisen zum Trotz – die schrecklichste Zeit meines Lebens tatsächlich hinter mir, und meine Dankbarkeit für diese Veränderung hat niemals aufgehört.
Verschworene Gemeinschaften wie in „Stand By Me“ kannte ich nur aus dem Fernsehen, wo man sie in zahlreichen Jugendfilmen und -Mehrteilern als einen bürgerlichen Mythos immer wieder vorgeführt bekam (ähnlich dem der Liebe zu Vater und Mutter oder dem Haustiermythos à la „Flipper“ oder „Skippy, das Buschkänguru“).
Insofern betrifft der Schlusssatz des Films auch eher die glücklicheren Buben in dieser und anderen Geschichten: „Ich hatte später niemals solche Freunde wie damals, als ich zwölf war. Aber, mein Gott – wer hat die schon?“
Die Stelle, die mir größere Rührung verursachte, ist jene unmittelbar davor. Da sagt der inzwischen erwachsene Erzähler über das weit zurückliegende letzte Abenteuer: „In der folgenden Zeit sahen wir Teddy und Vern immer weniger und weniger, bis sie schließlich nur noch zwei weitere Gesichter auf dem Schulhof waren. Manchmal ist das so im Leben: Freunde kommen und gehen wie Kellner in einem Restaurant.“
Diese Einschränkung war und ist ungewöhnlich. Sie ist bemerkenswert.
_____
* Der Podcast zu „Stand By Me – Das Geheimnis eines Sommers“ erscheint am 12. Juni.