betr.: 77. Jahrestag der Auszeichnung von „1984“ als „Buch des Jahres“ in den USA

„Im Jahr 1984“ war die erste deutsche Bearbeitung der berühmten Dystopie von George Orwell. Als ich das Buch im titelgebenden Jahr erstmals las, hatte der Ullstein-Verlag gerade aus aktuellem Anlass eine neue Übersetzung vorgelegt, und als ich diese mit einer der vorherigen verglich (ohne das englische Original zur Hand zu haben), erschien es mir, als sei das gar keine Neuübersetzung, sondern nur eine Umformulierung („um dem rauhen Wind zu entgehen“ statt „um sich vor dem rauen Wind zu schützen“ und ähnlicher Mumpitz) – aber das mag mir auch mein jugendlicher Hochmut geflüstert haben.
Die erste Fassung mag ich besonders, ganz einfach, weil sie am nächsten dran ist.
So fängt sie an:
Es war ein klarer, kalter Apriltag, und die Uhren schlugen dreizehn. Winston Smith, das Kinn gegen die Brust gepreßt, um sich wenigstens etwas gegen den ekelhaften Wind zu schützen, schlüpfte rasch durch die Glastüren des Victory-Apartmenthauses.
Im Treppenhaus unten roch es nach Kohl und muffigen, zerfledderten Fußmatten. An der einen Flurwand klebte ein riesiges buntes Plakat. Es stellte ein Gesicht in Großformat dar, über einen Meter hoch: das Gesicht eines Mannes Mitte vierzig, mit dichtem schwarzem Schnurrbart und – grob gesehen – ansprechenden Zügen. Smith steuerte auf die Treppe zu: der Fahrstuhl ging ja doch nicht. Selbst in besseren Zeiten funktionierte er selten, und momentan war der Strom tagsüber sowieso abgeschaltet.
Das gehörte zur Sparaktion für die kommende Haß-Woche.
Seine kleine Junggesellenwohnung lag in der siebenten Etage, und Smith tappte – mit seinen 39 Jahren nicht bei bester Gesundheit – langsam hinauf, immer wieder einmal verschnaufend. Auf jedem Treppenabsatz starrte das Plakat mit dem Gesicht in Großformat von der Wand. es war eines jener geschickt gezeichneten Portraits, deren Augen einen überallhin verfolgen, wo man auch geht und steht. DER GROßE BRUDER SIEHT DICH, stand in wuchtigen Lettern darunter.