Das Lesen und seine Feinde

Im aktuellen „Spiegel“ wird unter der der Überschrift „Dumm gehört?“ über das Lesen an sich und über Fragen wie diese nachgedacht: macht es einen Unterschied, ob ich einen Inhalt selber lese oder mir in Form eines Hörbuchs zugänglich mache? Diese und all die anderen aufgeworfenen Fragen sind großartige Denkanstöße. Da macht es keinen Verdruss, wenn einige davon (etwa die oben genannte) nicht abschließend beantwortet werden.
Beim Lesen des Artikels fiel mir eine Textstelle aus dem uralten Sachbuch „Literarisches Leben in Deutschland“ wieder ein. Sie wurde zu einer Zeit formuliert, als die Glotze sich gerade vom Statussymbol zu dem wichtigen Möbelstück entwickelte, das sie bis zur Jahrtausendwende bleiben sollte: 1965. Eine Zeit, als es nur zweieinhalb TV-Programme gab, die zusammengenommen weit weniger als die 24 Sendestunden eines Tages ausgefüllt hätten – doch die wurden wichtig genommen.
Im besagten Buch wird auf einen damals populären Vorwurf geantwortet, der an unsere heutige Lage erinnert: die Annahme, das Fernsehen sei der Feind des Buches: »Gewiß wird auch die Lektüre erheblich reduziert. Aber ist das so schlimm? Es tut mir leid: ich kann im Bücherlesen an sich noch nichts Positives sehen. Es kommt darauf an, was gelesen wird. Gehen die Stunden, die der Mensch vor dem Apparat verbringt, den Werken von Thomas Mann, Camus oder Faulkner verloren? Oder vielleicht den ohnehin fragwürdigen Unterhaltungs- und Kriminalromanen, den Sensationsbüchern jeglicher Art? Schließlich wird in der Bundesrepublik vieles gedruckt, das weit gefährlicher ist als die schlechteste Sendung des Fernsehens.«
Man käme nicht darauf, wer das geschrieben hat: Marcel Reich-Ranicki.

Einerseits stimmen die Verhältnisse von vor 60 Jahren immer noch ungefähr – eine gewisse handwerkliche Schamlosigkeit, von der man damals schlicht keine Vorstellung hatte, ist in allen Medien vonstattengegangen. Andererseits ist die schwindende Lesekompetenz, die auch im „Spiegel“-Artikel nicht unerwähnt bleibt, eine Sache, die alle trifft (… träfe …), den schlechten Krimi ebenso wie Mann, Camus und Faulkner.

Ich selbst lese mindestens so gern wie die Verfasser der genannten Quellen. Dennoch hätte ich nichts dagegen, mir häufiger vorlesen zu lassen, schon wegen meiner immer schlechter werdenden Augen. Leider ist das meistens gar nicht möglich. Und wenn, nützt es mitunter nichts. Einer meiner Lieblingsschriftstelle, Georges Simenon, wurde zuletzt im großen Stil eingelesen. Aber leider von Walter Kreye.

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