Und dann stirbste

betr.: Guido Westerwelle / SPIEGEL-Titelgeschichte 46/2015 / Günter Jauch vom 8.11.2015

Guido Westerwelle verdient unser Mitgefühl, und alles, was er uns gestern abend bei Günter Jauch mit auf den Weg zu geben hatte, war zutiefst zutreffend und beherzigenswert: dass wir (noch) Gesunden uns hüten sollten, uns über irgendwelchen Unfug künstlich aufzuregen und uns stattdessen unseres Lebens freuen sollten, dass es jeden von uns jederzeit ganz plötzlich erwischen kann. Leider sagte er das schon bei seinem ersten Statement in der Sendung mit allem Nachdruck und wiederholte es noch mehrmals in gleichem Wortlaut. Er tat seiner klugen Botschaft keinen Gefallen mit dieser Litanei, der Sendung nicht (die ohnehin am Auskullern und nicht mehr zu retten ist) und auch jenen ihrer Zuschauer nicht, die all das schon am Tag zuvor im SPIEGEL gelesen hatten.
In diesem bereichernden Interview stand alles schon besser drin, obwohl sich auch hier der Beigeschmack einer schnöden Buchpromotion nicht völlig vertreiben ließ.
In der Talkshow stellte sich wieder der alte Westerwelle-Touch ein: bei allem guten Willen des Protagonisten ist die Geschichte (früher das Außenamt, heute das Schicksal) eine Nummer zu groß für den Darbietenden.

Ich mußte an ein weit zurückliegendes TV-Ereignis mit Guido Westerwelle denken, das der Intention von gestern abend ungewollt viel näher kam. Ein einziges Mal fühlte ich mit ihm, empfand ich diesen für meinen Geschmack zu losen Vogel als ein menschliches Wesen, mit dem ich solidarisieren mochte und das mir leidtat.
Er saß in einer frühen Ausgabe der Sendung „Zimmer frei“.
Heute hat Götz Alsmann längst erkannt, dass er – obschon der größte anzunehmende Solo-Alleskönner der TV-Geschichte – in diesem Format besser fährt, wenn er eine ausgleichende Partnerin wie Christine Westermann an seiner Seite hat, die sich bei augenscheinlich milderem Temperament dennoch die Butter nicht vom Brot nehmen läßt.
Spaßpolitiker Westerwelle hatte das Pech, zu einem Zeitpunkt zu Gast zu sein, als Alsmann noch aus allen Rohren und in alle Richtungen feuerte. Als Politiker war dieser Gast ohnedies ein gefundenes Fressen für ihn, ein natürlicher Feind. Unterstützt von Ingo Appelt, bei dem die lustvolle Demontage „solcher Leute“ zum Berufsbild gehört, nahm er Westerwelle in die Zange, röstete ihn auf kleiner Flamme, blamierte ihn, so gut es ging. Obwohl mir der aufstrebende FDP-Star schon damals nicht sympathisch war, bereitete mir diese Situation nagendes Unbehagen.
Aber es sollte noch schlimmer kommen!
In „Zimmer frei“ gibt es das Ritual, dass sich Frau Westermann in den ersten Stock zurückzieht, um ein persönliches Gespräch mit dem „Bewerber“ zu führen, das je nach dessen Temperament auch schon mal etwas nachdenklicher ausfällt. Während sie nun ein unschönes Ereignis aus dessen Jugend erörterte – ich erinnere mich nicht an die Einzelheiten – amüsierte der kurzzeitig arbeitslose Kollege Alsmann das Studiopublikum auf der Hauptbühne, indem er sich ein Campingzelt über den Kopf zog, das von einem zurückliegenden Spiel übrig war. Am Bildschirm sah man Westermann und Westerwelle in besinnlicher Großaufnahme und hörte das Partygelächter von unten heraufdröhnen.
Gewiß – es wäre schön, wenn Guido Westerwelle heute solche Probleme hätte.

Es ist bemerkenswert, was aus einem Ereignis wird, wenn man es am Bildschirm verfolgt.

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