betr.: Personenbeschreibungen in der Literatur
Matias Faldbakken (1973-)
The Hills
Der Maitre d‘ Er blickt mich lange und eingehend an. Dann bringt er, wie er das oft tut, sein großes Gesicht langsam näher an meines heran.
In der Regel ist ein Kindergesicht eine reine, runde Oberfläche mit den symbolträchtigen Zügen von Augen und Mund. Augen und Mund stechen in einem Kindergesicht hervor. Die Augen und der Mund können die Quelle faszinierender Schönheit sein. Sie sind ein Mittel der Kommunikation. Man kann Unsicherheit, Freude und Trauer an ihnen ablesen. Mit dem Alter wird das Gesicht immer mehr vom Gesicht selbst dominiert. Augen und Mund werden vom Gesicht selbst in den Hintergrund gedrängt.
Das Gesicht des Maitre d‘ ist ein schlagendes Beispiel für diesen Triumph des Gesichts. Seine Augen, die sicher einmal glänzend und hell waren, sind nicht nur eingesunken und blass, sie sind auch merkwürdig klein im Verhältnis zur gesamten Gesichtsfläche. Die Tränensäcke haben ebensoviel Aussagekraft wie die Augen. Seine Augen und sein Mund, die, als er jünger war, für den Großteil seiner Ausdrucksfähigkeit verantwortlich waren, leisten jetzt nur noch einen minimalen Beitrag dazu, was in seinem Gesicht vor sich geht. Sein Mund – einst prall, potent und weich – ist nun stramm, lippenlos, umgeben von vertikalen Falten. Es sieht aus als bliese er ständig auf einer Querflöte. Was von den Lippen noch übrig ist, dient inzwischen im besten Fall als eine Art Vorhang vor den gelblichen Zähnen. Sein Gesicht hat viel Stirn, Kiefer und Kinn mit Gruben, Poren und Furchen, raue und glatte Bereiche, fettige Flächen, eine Unmenge an Schattierungen und Farbnuancen, kleine Netze aus geplatzten Blutgefäßen und Abnutzungserscheinungen von langjährigem Rasieren, dem Auftragen von Aftershave und seinem Alkoholkonsum.
So manche Mimik und Grimasse hat sich verfestigt, und es ist keine Kunst, von außen zu erkennen, was in ihm vorgeht, ganz egal, wie zugeknöpft er ist.
Glück und Unglück leben Seite an Seite, sagt er.
Nun habe ich nicht allzuviel zu sagen, was das Thema Gesichter betrifft. Wenn ich mich meinen Problemen von Angesicht zu Angesicht stellen möchte, um es mal so auszudrücken, muss ich nur in den Spiegel schauen. Es ist, als wäre mein Gesicht ein Abdruck aller Sorgen, die sich in mir im Laufe der Jahre angesammelt haben. Die Sorgen sind die Gussform meines Gesichts. Ich verspüre oft eine Anspannung und weiß, was sie mit meinem Gesicht anstellt. Gewebe und Unterhautfett werden von den Sorgen ausgedörrt. Ich fühle, dass die Mundwinkel nach unten gezogen werden. Ein Ziehen im Gesicht. Ich spüre, wie die Gefühle an meinem Gesicht ziehen und zerren.
Wie ist das möglich?
Dass ein Alkoholproblem ein Gesicht auszehren und ruinieren kann, ist verständlich; dass die Blutgefäße und Poren vom Alkohol geweitet werden, ist logisch. Dies kann man im Gesichtsdrama des Maite d ‘ verfolgen. Aber dass Emotionen ein Gesicht zerstören können, das erscheint ungerecht.
Wer Nerven hat, bekommt ein sogenanntes Nervengesicht. Wozu soll das gut sein? Ist das Gesicht eine Art Marionette der Nerven? Dass man mit dem Gesicht kommuniziert, ist offensichtlich. Aber wenn man versucht, seine Nerven mit einem Pokerface zu verbergen und dennoch ein Nervengesicht hat, was für einen Zweck hat das denn? Was für eine evolutionäre Sackgasse ist das? Man hilft einem Kind, wenn es weint. Aber man schützt das Kind, wenn das Nervengesicht den Raum betritt. Niemand kommt einem Nervengesicht zu Hilfe.
Manchmal, sagt die Barchefin, geht der Maitre d‘ nach hinten und schmiert sich Creme ins Gesicht. Daher der Glanz! Ich muss grinsen. „Er verbirgt es gut, aber ich höre, wie er sich eincremt“, sagt die Barchefin. Darüber können wir kichern, die Barchefin und ich. Hörbares Eincremen. Aber davon, sagt die Barchefin, dürfen beispielsweise Sellars und seine Truppe nichts erfahren. Aus solchen Details können sie eine ganze Architektur des Spotts errichten.
