betr.: So wohnen literarische Figuren
Im Sommer 1854 bricht der britische Schriftsteller George Henry Lewes nach Deutschland auf, um in Weimar und Berlin Material für eine Goethe-Biografie zu sammeln. Der verheiratete Lewes reist nicht allein, er wird von seiner Lebensgefährtin Mary Ann Evans begleitet, mit der er in damals skandalöser „wilder Ehe“ zusammenlebt. Diese 35-jährige Schriftstellerin wird später unter dem Pseudonym George Eliot mit „Middlemarch“ und „Die Mühle am Fluss“ bedeutende Romane des viktorianischen Zeitalters verfassen. Ihr Blick fällt auf ein Weimar, in dem August Heinrich Hoffmann von Fallersleben und Franz Liszt das Kulturleben prägen, während die Größen der deutschen Klassik schon als Statuen bewundert werden und ihre Wirkungsstätten beginnende museale Verehrung erfahren, in dem das Gesellschaftsleben ungezwungener und das Essen gehaltvoller ist als in England. In Eliots „Zu Gast in Weimar“ werden Schiller und Goethe selbst zu literarischen Figuren.
„Hier wohnte Schiller“ steht über der Tür eines kleinen Hauses mit Bogenfenstern. Im zweiten Stock sieht man Schillers Arbeitszimmer, das noch fast so aussieht wie zu der Zeit, als er darin tätig war. Es ist ein freundlicher Raum mit drei Fenstern – zwei davon Richtung Straße und eines mit Blick auf einen kleinen Garten, der sein Haus von dem des Nachbarn trennt. Der Schreibtisch, den er in seinen Briefen als wichtige Anschaffung erwähnt – in einer Schublade verwahrte er faulige Äpfel wegen ihres Geruchs –, steht nah am letztgenannten Fenster, so dass das Licht auf seine linke Hand fiel. Auf einer anderen Seite des Zimmers steht sein Klavier. Darauf liegt seine Gitarre, und darüber hängt ein hässlicher Druck einer italienischen Landschaft. Ein zweiter, ebenso hässlicher, hängt an einer anderen Wand. Es war ein seltsames Gefühl für mich, die Finger über die Tasten des kleinen Klaviers streifen zu lassen und Töne hervorzubringen, die jetzt so sonderbar und schwach klingen wie die einer invaliden alten Frau, deren Stimme einst das Herz höher schlagen ließ oder sein zorniges Pochen besänftigen konnte. Das Bett, auf dem Schiller starb, steht jetzt im Arbeitszimmer und nicht mehr in dem Schlafzimmer dahinter, das nun leer ist. Neben dem Kopfende des Bettes steht ein kleiner Tisch mit seinem Trinkglas, und an der Wand über dem Bett hängt eine wunderschöne Skizze, die zeigt, wie er tot daliegt.
Goethes Haus sieht viel wichtiger aus, aber für englische Augen keineswegs wie die palastartige Residenz, die man nach den Beschreibungen deutscher Autoren erwartet. Die Eingangshalle ist wirklich imposant mit ihren Statuen in den Nischen und der breiten Treppe. Aber der Rest des Hauses ist nicht allzu geräumig und elegant. Der einzige Teil des Hauses, der Besuchern zugänglich ist, und das nur freitags, sind die Zimmer mit seinen Sammlungen von Gipsabgüssen, Bildern, Gemmen undsoweiter. Diese Sammlung ist höchst unbedeutend – abgesehen davon, dass sie ihn gehörte -, und man wendet sich von schlechten Bildern und vertrauten Gipsfiguren ab, um sich in das Manuskript der wunderbaren „Römischen Elegien“ zu vertiefen, die er selbst in Distichen verfasst hat.
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